Schubladenfund: Dubai Next

dubainext

Die weltweit wichtigste Kunstmesse „Art Basel“ und die daran angeschlossenen Satellitenveranstaltungen wie beispielsweise die „Design Miami“ machten in der letzten Woche die sonst eher gemütliche Stadt am Rhein zu einer Bühne der internationalen Kunstszene. Auch der in direkter Nachbarschaft gelegene Vitra Campus in Weil am Rhein lud in diesem Rahmen zum Kulturereignis und eröffnete am 4. Juni 2008 die Ausstellung „Dubai Next“. Pritzker-Preisträger, Architekturphilosoph und Visionär Rem Koolhaas hatte diese nicht nur kuratiert, sondern auch am Eröffnungsabend der Öffentlichkeit präsentiert. Für Furore sorgte dann aber vor allem der Besuch von Scheich Majid bin Rashid Al Maktoum hochselbst, der mit seinem beinahe klischeehaft inszenierten Auftritt inklusive Privatjet und Limousinen-Karawane das Event um eine weitere Facette bereicherte. Doch ist „Dubai Next“ nicht nur den international bestaunten Superlativen gewidmet. Sie stellt vielmehr die Frage nach der kulturellen Identität einer „importierten“ Megastadt, die in ihrer bombastischen aber universalen Gestalt vielleicht exemplarisch ist für die Weltmetropolen der Zukunft.

(erschienen 2008 auf www.designlines.de)

Dubai verdankt seine aktuelle Popularität und Medienpräsenz vor allem der regierenden Familie Al Maktoum, die mit ihrer Idee, Architektur als Marketinginstrument für ihre Stadt zu nutzen aufs richtige Kamel gesetzt hat. Bis vor vierzig Jahren gab es hier, zwischen Wüste und Meer, nicht viel mehr als ein kleines Hafenstädtchen. Dann kam das Öl, mit dem Öl der Wohlstand und bald darauf folgte die Erkenntnis, dass die schwarze Ressource eine endliche Einnahmequelle ist, für die in den nächsten zwei Generationen Alternativen gefunden werden müssen. Die Regenten initiierten einen architektonischen Boom und luden die großen Namen der internationalen Architekturszene dazu ein, Dubai eine spektakuläre Skyline zu verpassen und mit dieser neuen Kontur zu einer – wenn nicht der – wichtigsten wirtschaftlichen und touristischen Drehscheibe der arabischen Welt zu machen.

„It is not a Utopia.“ [Rem Koolhaas]

Heute ist Dubai eines der weltweit größten Bauvorhaben. Man schätzt, dass ein Viertel aller existenten Baukräne hier stationiert und eindrucksvolle 85% der Bevölkerung Arbeitsmigranten sind. Das macht den Turmbau in der Wüste zu einer wahrhaft babylonischen Angelegenheit: Etwa zweihundert Nationalitäten treffen mit ihren unterschiedlichen Kulturen in einer Art Weltgemeinschaft aufeinander. Nur noch zehn Prozent der Bevölkerung sind Einheimische, die zwischen all dem internationalen Einfluss nach den Überbleibseln ihrer eigenen Tradition und Kultur suchen müssen. Zwar wird neuerdings versucht, die bisher kulturleeren Hüllen der Architektur mit Inhalten zu füllen, doch wie in Dubai üblich wird wieder eingekauft: eine Filiale des Louvre, ein Guggenheim und ein Opernhaus, entworfen von der Stararchitektin Zaha Hadid – ausnahmslos Institutionen und Persönlichkeiten mit Renommee und dem Ruf einer gewissen Extravaganz – für Dubai vor allem ein Garant für internationale mediale Aufmerksamkeit.

Diese kulturellen Prestige-Projekte sind Teil der vor wenigen Wochen ins Leben gerufenen „Dubai Culture and Arts Authority“, die das Emirat in den nächsten acht Jahren zu einem Zentrum der internationalen Kulturlandschaft machen soll. Und sie sind gleichzeitig das zentrale Thema der bei Vitra gezeigten Show: „Dubai Next – Der Bau einer Kultur des 21. Jahrhunderts“. Trotz des auf die Zukunft gerichteten Ausstellungstitels findet man aber vor allem eine Bestandsaufnahme vor, die viele Fragen offen lässt oder deren Beantwortung dem Besucher übertragen wird. Wie etwa die nach dem Gelingen der kulturellen Koexistenz und der in Dubai allgegenwärtigen sozialen Schere, der die Fotografien von Charlie Koolhaas, der Tochter des Architekten, gewidmet zu sein scheinen. Ihre dokumentarischen Bilder zeigen ein Dubai der Kontraste, in denen die glamouröse Metropole aus unseren Reisekatalogen nur die Kulisse für eine ganz andere Wirklichkeit ist. Über die Straße gespannte Wäscheleinen, abgeblätterter Putz und FlipFlops entlang der Gehsteige, von ihren Besitzern beim Betreten ihrer Wohnräume wie beiläufig ausgezogen. Alltägliche Bilder, die in einer beliebigen Stadt der Welt aufgenommen sein könnten, würde der Horizont eben nicht durch Dubais Rekordarchitektur bestimmt.

„We have poor rich men here in Dubai.“ [Geschäftsmann aus dem Sudan]

Vor allem eines macht die Ausstellung bewusst: Das Leben in Dubai ist in seinem jetzigen Prozess des Werdens hauptsächlich eine rentable Zweckgemeinschaft auf Zeit. Das zeigt die Zettelwand im letzten Ausstellungsraum, auf der im Stil eines schwarzen Brettes, Wohnungsgesuche und -angebote zusammengetragen wurden, ergänzt durch Aussagen über das Leben miteinander und mit der Stadt. Man versteht, dass es einem Großteil der Bewohner hauptsächlich darum geht, in kurzer Zeit möglichst viel Geld zu verdienen – während Frau und Kinder in Chennai oder Paris warten. Bis zur Rückkehr in ihre Heimat führen sie eine ein permanentes, provisorisches Leben im Dazwischen, das viel verspricht, aber wenig bietet. Gleich im Eingangsbereich hat Rem Koolhaas, der nach eigener Aussage jeden Monat mindestens eine Woche in Dubai verbringt, seine persönliche, wandfüllende Stadtkarte platziert und mit Statements und Anekdoten versehen, die den jeweiligen Ort mit einem Bild verknüpfen. Und auch hier: Bagger, Lärm und ständige Veränderung. Man fragt sich, was von Dubai bleibt, wenn die Arbeit getan ist und die Kräne stoppen, die gegenwärtig ihren ganz eigenen Beitrag zur Identität Dubais leisten.

Der (Auf)Bau einer Kultur

Ob die Stadt ihre Spannung halten kann, wenn das Abenteuer Dubai – das ja vor allem von seinem stetigen Wandel und den immer neuen Rekorden befeuert wird – beendet ist, bleibt abzuwarten. Was bleiben soll, ist die Kultur. Die neuen Museen und moderne Kunst – importiert aus dem Westen. Aber wie soll das funktionieren? Einer der Kuratoren, Jack Persekian, kommentiert die Frage bei der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung damit, dass man natürlich Abstand nehmen müsse „von der reinen Provokation“ die so in Dubai nicht gezeigt werden kann. Was dann übrig bliebe, ist, zynisch formuliert, eine kastrierte Avantgarde, die sich durch die bewusste Vermeidung sexueller, politischer und religiöser Tabus bemüht, der lokalen Kultur nicht auf den Kaftan zu treten. Fernab aller Grundsatzdiskussionen ist die Ausstellung selbst aber eine spannende Momentaufnahme, die interessante Einblicke in ein brandaktuelles Phänomen zeitgenössischen Stadtdesigns bietet.

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