Symphonie der Verfremdung – Vorschau auf den DMY 2013

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Als das Handwerk, das viele Jahrzehnte aus der Designwelt ausgeschlossen wurde, zuletzt eine fulminante Rückkehr feierte, da fragten sich einige wohin das führen würde. Ein Blick auf die Exponate des diesjährigen Designestivals DMY zeigt: Die Wiedervereinigung geht über die einfache Eingliederung, ja über die Symbiose hinaus. Für viele Designer hat die Ausweitung der Professionszone nicht nur die Arbeit und ihre Bereichsgrenzen in Frage gestellt, kurzentschlossen werfen sie auch andere Traditionen über den Haufen. Endlich.

Der Film beginnt im Dunkeln. Wie Funken tanzen ein paar Lichtreflexionen im Unschärfebereich. Dann Feuer, das den verzerrten Schatten eines Mannes an die Wand wirft. In seiner Hand hält er ein langes Instrument, an dessen Ende eine rot glühende Blase. Der Schweiß tropft ihm von der Stirn. Der Mann ist Glasbläser und wir werden über 12 Minuten Zeuge seiner Arbeit, die ebenso ein poetischer Tanz wie mühsamer Kampf ist. Eingefangen hat diese eindrucksvollen Momente, die vor Kunstwerk oder Glasbruch liegen, der Eindhovener Absolvent Philipp Weber. „Creation of a Strange Symphony“ heißt sein Film und war in diesem Jahr schon auf einigen Kurzfilmfestivals zu sehen. Der eigentliche Protagonist ist aber weder der Designer, noch der Handwerker.

Manipulierte Traditionen

Das Werkzeug, dass Christophe, der Glasbläser, benutzt, wurde von Philipp Weber entworfen. 2000 Jahre hatte die Flöte niemand in Frage gestellt, 2000 Jahre wurde der lange anderthalb Meter lange Blasstab aus Stahl nur minimal verändert. Das Ding, das Christophe jetzt in den Händen hält, erinnert an eine überlange Trompete. „Ich hatte schon länger den Wunsch die Welt des Glasblasens kennenzulernen.“, erzählt Philipp Weber „Als ich in Belgien war, konnte ich Christophe arbeiten sehen und ich fragte mich: Wie kann ich ihn dafür interessieren, mit mir zu arbeiten?“. Philipp fand die Antwort: Indem er ihm ein neues Spielzeug gibt. Der Designer entwickelte für den Handwerker ein überarbeitetes Requisit – ein Experiment für beide Seiten. Die manipulierte Flöte hat mehrere Luftausgänge, die sich ganz wie bei einem Instrument über Tasten steuern lassen. Was am Ende dabei entstehen würde, konnte Philipp Weber nicht wissen: „Ich wollte, dass das neue Instrument Cristophe zur Improvisation inspiriert“. Gemeinsam testeten sie die Grenzen aus. Cristophe an der Flöte, Philipp als Co-Regisseur des Prozesses und hinter der Kamera. Am Ende des gemeinsamen Weges stand ein Film, unzählige Glas-Objekte zwischen dekorativ und funktional – und eine Flöte, deren Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind.

Die Hand am Werk

Was Philipp Weber mit vielen anderen Designern seiner Generation gemeinsam hat, ist dass ihr Horizont nicht bei Stuhl, Tisch und Leuchte endet. Sie schauen sich die Objekte unserer Welt an, kritisch, unvoreingenommen. Fragen sich, warum sie so aussehen wie sie aussehen. Die Angst vor imperfekten Oberflächen oder Entwürfen, die im Prozess stecken bleiben, haben sie abgelegt. Das Wort Industrie im Industriedesigner ist nur noch eine Facette von vielen, sie geben sich als Prozessgestalter, probieren sich als Handwerker und Erfinder. Diese Haltung ergibt sich auch aus der Tatsache, dass sich die Produkte sowohl vom Designer, als auch vom Menschen immer mehr entfremden. „Maschinen werden immer unabhängiger vom Menschen. Mit der Folge, dass den Dingen, die wir jeden Tag sehen und benutzen der typische menschliche Touch abhanden kommt“, fasst der niederländische Gestalter Floris Wubben den Stand der Dinge zusammen. In den Berliner Flughafenhallen stellt er dieser Tage eine Maschine vor, aber eine, die nicht ohne externes Zutun etwas auswirft. Am Anfang steht ein Klumpen Ton, eingespannt in die sogenannte „pressing-machine“. Ab diesem Zeitpunkt ist Initiative gefragt: Es wird ein Strangpressprofil gewählt, durch das das Rohmaterial gequetscht wird. Bewegung, Druck und Rotation des Bedienenden beeinflussen das Objekt. „Mensch und Maschine arbeiten in Harmonie“ meint Floris Wubben zufrieden. Dass Objekt und Mensch durch den gemeinsamen Prozess eine Bindung zueinander entwickeln ist ebenso ein Faktor, und, wenn man die zerknautschten Gefäße betrachtet, wahrscheinlich auch von Nöten. Makellose Schönheit spielt im Vergleich mit der emotionalen Bindung eine untergeordnete Rolle. Lassen sich daraus gesellschaftliche Veränderungen ableiten? Ist das der Zeitgeist?

Erzählung in Rot-Weiß

Die Kollektion von Maren Bönsch spricht dafür – zumindest was den Aspekt der emotionalen Bindung durch ein narratives Moment betrifft. Die Berlinerin hat sich in ihrer Abschlussarbeit an der Universität der Künste dem Teppich gewidmet – einem Objekt, dass sich traditionell an der Grenze von funktional und dekorativ bewegt und in vielen Kulturen durch seine aufwändige Fertigung als Statussymbol gilt. Als solches wird der Teppich von Generation zu Generation weitergegeben – Familienhistorie inklusive. Maren Bönschs Teppiche bilden allerdings keinen Stammbaum ab, sondern individuelle Lebenslinien, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Werte, wie Gesundheit, Freiheit und Glück. All das wird nach einem persönlichen Interview der Designerin mit ihrem Auftraggeber in festgelegte Symbole übertragen und grafisch miteinander verwebt. Maren Bönsch wird so zur Autobiographin. Und der Teppich soll den Besitzer an seine eigene Geschichte, aber auch an gesetzte Ziele und Hoffnungen erinnern.

Maren Bönsch, Floris Wubbe und Philipp Weber zeigen was sie und ihr Umfeld bewegt. In dieser Rolle sind sie nicht nur Designer, sondern auch Dokumentare eines Wandels, der sich abkehrt vom Besitz um zu besitzen. Von Förmchen-Produkten, von der vordergründigen und einfach zugänglichen Ästhetik. Und damit sind sie nicht allein. Sie sind Teile des Impulses, der den Seismographen ausschlagen lässt. Hin zu einer neu interpretierten Produktkultur, zu einer Profession, die ihre unterschiedlichen Einflüsse und Faktoren derzeit im Schleuderprogramm rotieren lässt.

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