Parkitecture

fjell2
Wer genug hat von der Zivilisation, den zieht es hoch in die Berge,mitten in den Wald oder an den Rand eines Vulkans. Seit der Industrialisierung ist die ungezähmte Natur zum Ort der Selbsterkenntnis und der Grenzerfahrung geworden. Bauten in Nationalparks und Naturschutzgebieten entstehen demgemäß unter erschwerten Ausgangsbedingungen. Eigentlich befindet sich der Besucher gerade auf der Flucht vor der Hochkultur. Aktuelle Projekte zeigen, wie Gebäude und Landschaft in ein symbiotisches Gleichgewicht kommen.

Die Nationalpark-Idee entstand in der Prärie. Als sich die unermesslichen Weiten Nordamerikas mit den Siedlern immer mehr in Kulturland verwandelten, da fand auch im Bewusstsein ein Wandel statt. Abraham Lincoln ernannte einen Teil des Landes zum Schutzgebiet, untersagte die wirtschaftliche Nutzung und erklärte, es diene fortan dem „Vergnügen aller Menschen“. Aus dieser 1864 festgelegten Limitierung entstand 1872 der Yosemite Nationalpark als erster seiner Art mit weltweit viralen Folgen. Zur damaligen Kommission gehörte Frederick Law Olmsted, der heute als Begründer der amerikanischen Landschaftsarchitektur gilt. In einer Grundsatzerklärung zur Behandlung von Schutzgebieten machte er sich 1865 bereits Gedanken zur Integration von Bauwerken: „Das Landschaftsbild muss so strikt wie möglich erhalten und gepflegt werden… Es gilt also … die Vermeidung aller Bauten, die merklich unharmonisch sind mit der Landschaft oder die unnötigerweise die Erhabenheit der Landschaft verdecken, verzerren oder von ihr ablenken.“

Olmsteds Erklärung hallt bis heute nach: Die Naturkulisse steht an oberster Stelle, alles vom Menschen Eingefügte sollte sich ihr möglichst unterordnen und ästhetisch mit ihr verschmelzen. Die erste Park-Architektur allerdings suchte – mangels alternativer Konzepte – vorerst die Lösung in einem „Rustic Style“. Inspiriert von europäischer Naturromantik fanden sich Einflüsse alpiner Chalets und nordischer Holzhütten – basierend auf der nicht ganz zutreffenden Überlegung, dass die traditionelle, naturnahe Bauweise sich auch in amerikanischen Landschaften wunderbar einfügen würde. Es dauerte bis Mitte des 20. Jahrhunderts, dass die sentimentale Verspieltheit einer ökonomischen und wissenschaftlichen Funktionalität wich. Die neue Sachlichkeit zog in die Parks ein, verdrängte die Nostalgie und brachte Betonblöcke, Glas, Stahl und Aluminium. Mit ihr veränderten sich auch die inneren Werte. Zum ursprünglichen Schutzraum gesellten sich Verwaltung und Service, Museen, Shops, Cafés und Picknickplätze.

Ein amerikanisches Programm namens Mission 66 löste dann einen regelrechten Architektur-Ruck aus. Nachdem viele Parks nach dem zweiten Weltkrieg in einen bemitleidenswerten Zustand geraten waren, wurde zwischen 1957 und 1966 eine Milliarde Dollar für die Verbesserung der Infrastruktur in den Parks freigegeben. Wenn auch nicht ganz ohne Nebenwirkungen: Einige Bauten wurden als Fließband-Architektur kritisiert. Doch die Mehrzahl der Entwürfe und vor allem ihre Botschaft wurde positiv aufgenommen. Das Journal des American Institut of Architects lobt in einer Rückschau den „regionalen Charakter“ und die Integration „ausgezeichneten Designs auf allen Ebenen“. Außerdem stellt das AIA fest: „Die beste Offensive ist es, Stile nicht zu kopieren, sondern regionale Materialien zu verwenden und vorhandene Formen aufzugreifen.“

Das neue Bewusstsein für den natürlichen Kontext hat sich durchgesetzt. Die Deklination von Zitaten kann einer Landschaft nicht gerecht werden. Bauen im Nationalpark heißt Bauen in Ausnahmegebieten. Das können ein Wasserfall sein, ein Gletscher, ein Vulkankrater oder eine Höhle, ein Landschaftspark oder eine Vogelbeobachtungsstation – und damit individuelle Orte für die es keine Referenzen geben kann. Noch stärker als im urbanen Umfeld entsteht der Entwurf from site to building. Über die Materialien, die Lage und das Natur-Monument. Das wird besonders da zur Herausforderung, wo die Natur selbst schon zu einem Wahrzeichen geworden ist.

(Der ganze Text ist als Baunetzwoche bei www.baunetz.de erschienen)

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: