Alles Fake? Zeitgenössische Materialien, die Mimikry zum Stilmittel machen

Wie viel Schein hält die Realität aus? Falscher Marmor, Beton zum Aufkleben oder Holzdruck auf Plastik sind von den meisten nur schwer zu tolerieren. Trotzdem ist die pauschale Ablehnung voreilig. Im richtigen Kontext und mit guten Argumenten können auch Imitate überzeugen. Wir haben uns nach zeitgenössischen Materialien umgesehen, die Mimikry zum Stilmittel machen und zusätzliche Potenziale integrieren.

Es ist eine Grundsatzfrage, wie die nach Hunden oder Katzen: Geht Laminat oder muss es Naturholz sein? Anders ist es beim Pelz, da ist die Lage klar: Bevor einem Zuchtmarder für einen Mantel das Fell über die Ohren gezogen wird, greifen wir lieber zum Faux Fur aus Polyacryl. Die Diskussion basiert auf zwei Parametern: Ästhetik und die Ethik. Eigentlich widerspricht es dem guten Geschmack, sich ein Imitat ins Haus zu holen. Wenn es aber nachhaltiger, umweltfreundlicher und langlebiger ist, hat es alle Argumente auf seiner Seite. Ein guter und ökologischer Fake hat also den Verstand zum Komplizen. Wie aber steht es um die Emotionen?

Dass auch falsches Holz warme Gefühle macht, hat eine Studie der Hochschule Ostwestfalen Lippe im Fachbereich Architektur und Innenarchitektur herausgefunden. Die Studierenden haben dem Thema Real/Fake ein ganzes Projekt gewidmet und Probanden sowohl mit echten Materialien, als auch mit Imitaten konfrontiert. Sie fanden heraus: „Obwohl die Probanden das Originalmaterial bevorzugen, fühlen sie sich im Imitatraum wohler.“ Vielleicht ist auch Falsches irgendwie richtig, nicht zuletzt ist Tarnung ein uraltes Prinzip der Natur.

Hersteller: Applicata, Produkt: A Tribute To Wood, Design: Snedker Studio, Styling: Høeg+Møller

Hersteller: Applicata, Produkt: A Tribute To Wood, Design: Snedker Studio, Styling: Høeg+Møller

A Tribute To Wood, Pernille Snedker für Applicata
Die Schwedin Pernille Snedker versteht sich eigentlich als Oberflächengestalterin und Kunsthandwerkerin. Über viele Jahre experimentierte sie mit der Technik des Marmorierens. Tropfen für Tropfen Farbe gibt sie auf die Oberfläche einer Flüssigkeit. Dadurch entsteht ein Muster, das an die Wachstumsringe eines Baumes erinnert. Auf Holz transferiert, erzeugt Snedker einen Effekt, der die natürliche Maserung gleichzeitig überlagert und nachahmt. Marbelous Wood kann als Akzent im Interior eingesetzt werden, als Möbeloberfläche genutzt werden oder als Diele den ganzen Boden bekleiden. Mit letzterem hat der Schauspieler Robert Downey junior die Gestalterin beauftragt – der Küchenboden seiner Windmühle in den Hamptons changiert zwischen Blau und Rosa. In unsere Küchen kommt Snedkers Technik als Hommage, denn der dänische Hersteller Applicata druckt ihre Entwürfe direkt auf Furnier und macht daraus die Tabletts und Brettchen der Kollektion A Tribute To Wood.

Hersteller: Architects Paper. Produkt: Metropolitan Stories 2, Barcelona

Hersteller: Architects Paper. Produkt: Metropolitan Stories 2, Barcelona

Lookalike-Tapeten, Architects Paper
Industriecharme ist, wenn die bewegte Geschichte des Gebäudes in der neuen Nutzung aufgeht. Dafür werden gern nackte Betonwände freigelegt, die immer dann besonders gut aussehen, wenn sie Bohrlöcher, Verwitterung und Wasserflecken aufweisen. Als Stilmittel ist diese Ästhetik im Neubau schwierig zu erzeugen. Architects Paper hat deswegen Tapeten gelauncht, die vermeintliche Historie auf Bahnen bringt. Zu den sogenannten „Lookalikes“ gehören Stein- und Betonflächen und verwitterte Farbanstriche. Statt shabby geht aber auch schick: Mit Marmor-, Terrazzo- oder Holzdrucken lassen sich Wände ohne feste Installationen oder Verkleidungen aufwerten – und vor allem schnell umgestalten.

Hersteller: Desso, Produkt: Sense of Marble

Hersteller: Desso, Produkt: Sense of Marble

Sense of Marble, Desso
Warme Füße und ein Boden im Marmorlook? Der Teppichhersteller Desso hat dem geäderten Stein eine ganze Kollektion gewidmet und verbindet den Komfort einer getufteten Oberfläche mit der Ästhetik des kalten Naturmaterials. Zehn verschiedene Farben können als Bahnen oder in abgepassten Geometrien ausgelegt werden. Mit praktischen Vorteilen: Gerade im Hotel- oder Objektbereich ist die akustische Beruhigung ein wichtiges Ziel – und während Stein nicht nur als Reflektor sondern auch als Verstärker wirkt, ist Teppich der Schallschlucker schlechthin.

Hersteller: Kaffeeform

Hersteller: Kaffeeform

Kaffeeform, Florian Lechner
Die Tassen des Berliner Labels Kaffeeform könnten aus Keramik sein – und sich mit ihrem am Kaffee orientierten Farbton auf ihren Inhalt beziehen. Aber: Die Referenz hat einen unmittelbaren Ursprung. Sie bestehen aus Kaffee. 20 Millionen Tonnen Kaffeesatz werden jedes Jahr weggeworfen – eine Ressource, die vielleicht mal als Dünger im Grünzeug landet, ansonsten aber weitgehend ungenutzt bleibt. Der Gestalter Florian Lechner kam hingegen auf die Idee, ihn in Form zu pressen. Fahrradkuriere sammeln den Rohstoff in Berliner Cafés ein, verarbeitet wird er in sozialen Werkstätten. Mit viel Druck, Hitze und Biopolymeren wird aus dem Pulver ein Material, das wie Kunststoff aussieht, aber nach Kaffee riecht. Und selbstverständlich spülmaschinenfest ist.

Designer: Roxane Lahidji, Produkt: Salt Marble

Designer: Roxane Lahidji, Produkt: Salt Marble

Salt Marble, Roxane Lahidji
Roxane Lahidji studierte zuletzt an der Design Academy Eindhoven – was sie, so sagt die Pariser Gestalterin, auch zu einer Alchimistin gemacht hat. Mit ihrem Projekt Salt Marble arbeitet sie an einer Zukunft, in der wir nicht mehr nach Ressourcen graben müssen, sondern Neues aus den Rohstoffen machen, die wir bereits in unseren Kreislauf aufgenommen haben. Wie die einbeinigen Beistelltischchen ihrer Kollektion: Sie bestehen aus Salz, einem günstigen und breit verfügbaren Rohstoff. Aus ihm fertigt die von alten italienischen Marmor-Fälschungstechniken wie Stucco marmo oder Scagliolia inspirierte Designerin Objekte mit der ästhetischen Qualität wertvollen Natursteins. Durch seine einfache Verwertbarkeit ist der Salztisch allerdings unendlich erneuerbar oder lässt sich als Granulat und Lösung wieder in den natürlichen Kreislauf überführen.

Designer/Hersteller: Vij5, Newspaper Wood

Designer/Hersteller: Vij5, Newspaper Wood

NewspaperWood, Mieke Meijer und vij5
Die Niederländische Designerin Mieke Meijer und das Label vij5 wollten den Kreislauf von Herstellung, Konsum, Entsorgung und Aufbereitung von Papier durchbrechen. Sie führten Altpapier quasi in das Produkt zurück, aus dem es gewonnen wurde. Dafür werden ausgelesene Tageszeitungen in ihren einzelnen Schichten zur Rolle verklebt. Schicht für Schicht entsteht daraus etwas, was vielleicht schon an einen Baumstamm erinnert. Doch erst, wenn der vermeintliche Stumpf aufgeschnitten wird, entsteht eine weitere, höchst poetische Referenz: Durch die Lagen der Zeitungen gibt es einen Effekt, der an die Jahresringe und Maserung von Holz erinnert. Die zugeschnittenen Bretter können dann wiederum zu Möbeln verbaut werden.

Designer: Shahar Shivne, Produkt: Metamorphism / Lithoplast Bench

Designer: Shahar Shivne, Produkt: Metamorphism / Lithoplast Bench

Metamorphism, Shahar Livne
Im Handwerk eingesetzte Materialien sind traditionell natürlich vorkommende Ressourcen – von denen einige uns in naher Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen könnten. Sie haben sich schon in etwas Neues verwandelt – und verändern damit auch unseren Naturbegriff. Nehmen wir Kunststoff: Als Abfall landet das Erdölprodukt wieder in der Umwelt und bildet auf natürliche Weise einen neuen Rohstoff namens Plastiglomerate. Das Projekt Metamorphism, initiiert von der israelischen Gestalterin Shahar Livne, ist ein Ratschlag, sich jetzt schon einmal auf die neuen Materialien einzustellen. „In einer postplastischen Zukunft, in der Kunststoffe auf Benzinbasis nur in einer neuen Hybridform aus der Natur gewonnen werden können, werden Kunststoffe einen neuen Wert wiedererlangen, der weit über die heutige Sichtweise hinausgeht“, sagt die Gestalterin. Zu finden ist Plastiglomerate dann konzentriert auf Mülldeponien: Sie könnten in Zukunft vielleicht zu einer Grube oder Zeche für kommende Zivilisationen werden.

Hersteller: Schönstaub, Designer: Terrazzo Carpet

Hersteller: Schönstaub, Designer: Terrazzo Carpet

Terrazzo Blanket, Terrazzo Project für Schönstaub
Seit ein paar Jahren ist Terrazzo einfach überall. Früh erkannt haben den Trend die beiden Schweizer Produktdesigner Stéphane Halmaï-Voisard und Philippe-Albert Lefebvre, die schon 2011 das Terrazzo Project gründeten. Sie bauten Tische, Bänke und Hocker aus Terrazzo und holten den Verbundwerkstoff aus Zement und Glas- oder Steinzuschlag ins Interior. Nach einer Dekade Imagearbeit funktioniert die prägnant gefleckte Fläche auch als rein dekoratives Zitat. Für den Hersteller Schönstaub hat Terrazzo Project Webdecken aus reiner Baumwolle entworfen, die Leoparden- und Tigerprint in den Schatten stellen.

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