TANJA PABELICK

Texte zu Reise, Architektur, Design und Kunst.

Aqua Incognita

Mitten unter uns leben alienartige Kreaturen. Während manch einer in den Weltraum fliegt, um unbekanntes Leben zu erforschen, gibt es einen Blinden Fleck direkt vor unserer Haustüre: Den tiefen Ozean. Hier wohnen Lebewesen mit bizarren Strategien und befremdlichem Aussehen. Ein weltweites Forschernetzwerk bemüht sich, das Unbekannte taxonomisch zu erfassen – und befindet sich in einem menschengemachten Wettlauf gegen die Zeit.

Es ist das Jahr 2005. An einem Tag im März schwebt südlich der Osterinseln ein Tauchroboter namens Alvin über den Meeresgrund. Sein Tiefenmesser steht auf 2200 Meter unter Null, sein Scheinwerfer wandert über Felsen, Sand und hydrothermale Schlote. In absoluter Dunkelheit ist sein kleiner, heller Kreis die einzige Lichtquelle. Die Wissenschaftler, die Alvin steuern, sitzen zwei Kilometer über ihm – an Bord des Expeditionsschiffes Atlantis. Die Meeresbiologen und Ingenieure sind wegen der tektonischen Erdplatten hier, die sich genau an diesen Koordinaten verschieben und für ein ganz besonderes Phänomen sorgen: Schwarze Raucher. Die Unterwasser-Kamine spucken heißes, mit Schwefel angereichertes Wasser ins zwei Grad kalte Meer und machen ihre erwärmte Peripherie zu einer dicht besiedelten Oase. Das Leben beginnt bei Bakterien, die aus den anorganischen Stoffen organische Verbindungen machen. Die Bakterien starten eine Nahrungskette, zu der auch Krabben, Muscheln oder Seesterne gehören. Die Forscher wollen eigentlich gerade herausfinden, wie die Lebewesen durch die kalte und lebensfeindliche Dunkelheit von einer dieser Quellen zur nächsten kommen. Doch dann huscht etwas Haariges durchs Bild. Mit Alvins Kamera versuchen die Piloten der Kreatur zu folgen, dann gelingt es ihnen, das 15 Zentimeter große Lebewesen mit den ferngesteuerten Instrumenten einzufangen. Was nach dem Auftauchen an Bord des Schiffs landet, hat noch niemand vor ihnen in den Händen gehalten. Es ist ein Krabbe. Aber ihre Beine sind mit langen, hellgelben Haaren bedeckt, sie hat keine Augen und ihre Scheren sind mit Bakterien bewachsen. Die Krabbe ist nicht nur eine neue Art, sie gehört auch zu einer bisher unbekannten Familie. Wenig später bekommt sie einen Namen, den sie wohl ihrem scheuen Auftritt und ihrer strubbeligen Behaarung verdankt: Yeti-Krabbe.

Während das eine, von Alvin gefundene Exemplar gut konserviert in einem Glas im französischen Nationalmuseum für Geschichte landet, geht das dokumentarische Video des bizarren Tiers viral. In Japan kommen Kuscheltiere auf den Markt, Comics machen die Krabbe zum Protagonisten und selbst mit LEGO baut manch einer Kiwa Hirsuta, den pelzigen Krebs nach. Die Yeti-Krabbe wird Popkultur. Tatsächlich ist sie nur eine Figur einer schrägen Gang von meerbewohnenden Superhelden, die alle ein individuelles Talent haben. Da ist der Glaskopffisch, der seine Augen so verdreht, dass er durch seinen transparenten Kopf über ihm schwimmende Feinde entdecken kann. Der Anglerfisch, der eine leuchtende Laterne vor sich herträgt, um Beute anzulocken. Der Schwarze Schlinger, der einen so dehnbaren Magen besitzt, dass Fische in ihn hineinpassen, die dreimal größer sind als er selbst. Viele der bizarren Wesen haben ein Kurzporträt auf Youtube und einen Steckbrief im Census of Marine Life, einer Datenbank zur Dokumentation der Ozeane. Die meisten von ihnen sind uns Menschen aber bis heute noch nie begegnet. Denn während wir uns bemühen, Wasser auf dem Mars zu entdecken, haben wir quasi einen fremden Planeten auf unserem eigenen – und seine Bewohner sind eigenartiger als manche Alien-Fiktion.

Die Meere bedecken etwa 70 Prozent der Erdoberfläche. Im Durchschnitt sind sie etwa 4000 Meter tief, es gibt aber Schluchten wie den Marianengraben, die bis auf elf Kilometer hinabreichen. Schnell wird es dunkel. Ab 200 Metern ist kaum noch Licht auszumachen, bei 800 Metern ist es stockfinster. Für Menschen ist die Tiefsee nichts. Der Druck steigt alle zehn Meter um eine Atmosphäre an, in den dunklen Tiefen ist er 100 bis 1000 mal höher als an der Luft. Apnoe-Taucher sind bisher bis auf 110 Meter hinabgetaucht, ein ägyptischer Gerätetaucher hält den Rekord bei etwa 330 Metern. Tauchboote gehen auf 1000 Meter. Dabei macht die Tiefsee etwa 78% der Biosphäre auf dem Planeten aus, die Ozeane als Gesamtes kommen auf 99,5%. Was bleibt, ist ein halbes Prozent Biosphäre an Land – unser Lebensraum. Und während wir nahezu jeden Zentimeter Dschungel oder Bergwelt kennen, ist ein großer Teil der Tiefsee noch nie von uns besucht worden. Dass es die Yeti-Krabbe ins japanische Stofftierregal geschafft hat, ist ein Zufall. Wie sie aussieht, wissen wir nur, weil Roboter Alvin forsch zugegriffen und sie nach oben befördert hat. Ihre Existenz war allerdings schon ein paar Jahre vorher bekannt. 2001 war sie einem anderen Tauchroboter begegnet, der zum deutschen Forschungsschiff Sonne gehört. Weil die haarige Krabbe damals aber nicht eingesammelt und beschrieben wurde, war sie auch nicht offiziell dokumentiert.

Die 116 Meter lange Sonne ist permanent auf dem Wasser unterwegs, um das ozeanische Ökosystem zu erforschen. Es ist ein beeindruckendes Hochseeschiff mit großflächigen Laboren und bietet Platz für 40 Forscher und eine 35-köpfige Crew. Im November 2021 hat es den Nordatlantik unmittelbar südlich des arktischen Polarkreises befahren, um die Tiefsee zu erforschen. Dr. Saskia Brix arbeitet als Fachbereichsleiterin für Epifauna bei Senckenberg am Meer, dem Deutschen Zentrum für Marine Biodiversitätsforschung (DZMB), und hat die fünfwöchige Expedition geleitet. Sie erzählt, warum jede dieser gut geplanten Reisen doch immer voller Überraschungen ist: „Wir kennen nur wenige Habitate so gut, dass wir etwas über ihr Aussehen sagen können, welches Gestein dort zu finden ist, welche Tierarten dort leben. Da unten ist das große Unbekannte. Unsere Technik kartiert den Meeresboden momentan in einer Auflösung von maximal hundert Metern, in manchen Bereichen von dreissig Metern.“ Der Versuch, hier einen ganzen Lebensraum zu verstehen oder Arten zu entdecken, ist in etwa so, als wolle man mit Google Earth eine Feldmaus finden. Und zwar irgendwo in Deutschland. Auch die Proben, die Saskia Brix und ihr Team nach oben holen sind nur Stichproben. „Würden wir Deutschland in einer Höhe von 5000 Metern überfliegen und punktuell ein Gerät herunterlassen, um einen Quadratmeter Erde auszustechen, dann hätte ich vielleicht Bodenproben vom Harz, dem Schwarzwald, der Lüneburger Heide und der Nordseeküste. Da hätte man Deutschland in seiner geografischen und ökologischen Diversität noch lange nicht verstanden.“ Bildgebende Verfahren helfen Saskia Brix und ihren Kollegen, sich einen Überblick zu verschaffen und zu entscheiden, wo es sich lohnen könnte, genauer hinzuschauen. Große Flächen des Tiefseebodens sind Wüsten, in dessen Untergrund Kleinstlebewesen siedeln. Aber im losen Sediment können sich keine Korallen halten und ohne Verstecke gibt es auch für die Fische wenig Aufenthaltsqualität. Zum Siedeln brauchen die meisten Arten feste Untergründe, wie Felsen oder einen Walkadaver, der auch gleich die erste Grundausstattung an Futter mitbringt. Oder eben die Raucher, die als vulkanische Quellen das Wasser aufheizen und Energie an ansonsten karge Orte bringen. Haben die Wissenschaftler einen Ort gefunden, an dem sie nach ersten Messungen und Bildaufnahmen Leben vermuten, schicken sie mobile Tauchroboter oder stationäre Module dorthin. Letztere funktionieren wie eine Wildtierkamera im Wald: Mit Ködern lockt man Lebewesen an und dokumentiert, was vor die Kamera gerät. Die Frage, ob das Licht in den dunklen Tiefen bei den Tieren nicht zu Irritationen führt, verneint Saskia Brix – zumindest in Hinblick auf die kurzzeitigen Lichteinflüsse, die beispielsweise durch Blitze auftreten. „Die meisten Lebewesen in der Tiefe haben gar keine Augen – oder sehr große. Der Riesenkrake etwa hat eine sehr definierte Wahrnehmung. Kraken können sehr gut sehen und riechen und sind noch dazu neugierig. Wenn wir da unten eine Kamera haben, dann gibt es immer auch das ein oder andere Tier, das immer wieder um das Gerät herumkreist, weil es das einfach spannend findet.“ Tatsächlich ist Licht, das in der Tiefsee vor allem als Biolumineszenz auftritt, sogar eine Strategie: Es hilft bei der Partnersuche, aber auch bei der Flucht. Einige Tintenfische etwa verteidigen sich nicht mit Sepia, sondern lenken Jäger mit einem Leuchtsekret ab. Der Anglerfische hat ein leuchtendes Köderorgan an der Stirn, der Schwarze Drachenfisch einen roten Suchscheinwerfer zwischen den Augen, der für andere unsichtbar ist.

Nur was an Proben und Lebewesen an Bord ankommt, kann detailliert wissenschaftlich dokumentiert werden – 2001 war ja die Yeti-Krabbe noch nicht als Präparat in einem Glas gelandet. Und dann beansprucht die Nacharbeit viel Zeit. „Nach der Ankunft im Zielhafen werden die Proben in unsere Institutslabore weitergeschickt. Beim Containertransport innerhalb Europas kann der Versand zwei Wochen dauern, bei Expeditionen irgendwo auf der Welt ein halbes Jahr. Das letzte Projekt ist auf drei Jahre terminiert – und die brauchen wir auch, um alles aufzuarbeiten. Dann hat man das Regal voller Arten, bei denen man schon weiß, dass sie einen neuen Namen tragen werden“, berichtet Saskia Brix. Die Untersuchung der Tiere und ihrer Physiognomie gibt auch Hinweise auf ihre Bedeutung im Ökosystem. Wer lebt mit wem in Symbiose, wer wird von wem gefressen? Saskia Brix schaut sich den Körperbau, die Mundwerkzeuge und den Mageninhalt an. „Die Funktion einer Art zu verstehen ist manchmal sehr schwierig, wenn wir nur totes Material bekommen. Da ist sehr viel Theorie dahinter. Als Tiefseeforscher setzt man Puzzleteile zusammen, um zu verstehen: Wie tickt das Ökosystem da unten?“

Das Wissen über die Lebewesen der Tiefsee ist ähnlich stichprobenartig und vom Zufall abhängig, wie die Kartierung des Meeresgrundes. Die letzte „Volkszählung“ der Meere, der Census of Marine Life 2000-2010, ließ die Schlussfolgerung zu, dass noch drei Viertel aller Tiefsee-Lebewesen unbekannt sind. Die Erlebnisberichte der Expeditionsforscher lassen vermuten, dass die Dunkelziffer weit größer sein könnte. Saskia Brix schätzt, dass die besuchten und dokumentierten Tiefsee-Areale nicht einmal ein Prozent der Tiefsee ausmachen. „An Orten, die noch nicht untersucht worden sind, entdecke ich über 90 Prozent Unbeschriebenes.“ Zum Vergleich: Zwischen null und 200 Metern ist das meiste bekannt. Lauert da unten vielleicht noch die ein oder andere Riesen-Kreatur, von der wir nichts ahnen? Darüber kursieren zumindest Legenden. Die Tiefsee ist das Loch Ness der Weltmeere, immer wieder mal berichten Fischerboote oder Containerschiffe von zufälligen Begegnungen mit unbekannten Giganten, wie etwa riesigen Tintenfischen. Die Forscherteams hingegen haben große Schwierigkeiten, die zehn bis vierzehn Meter langen Koloss-Kalmare vor die Linse zu bekommen. 2005 gelang es Forschern aus Japan ein Video vom zehnarmigen Architheutis zu machen, fangen konnten sie ihn aber nicht. Auf die Frage, ob es in der Tiefsee noch Überraschungen gibt, findet Saskia Brix eine klare Antwort: „Auf jeden Fall.“

Wer allerdings daraus schließt, dass die Tiere der Tiefsee und der Mensch ohne direkt Berührungspunkte in friedlicher Co-Existenz miteinander leben, der irrt. Die Tiefsee ist kein von der Oberfläche abgekoppelter Kosmos – und der verbreitete Glaube, dass die Tiefsee die Menschheit zwangsläufig überleben muss, ist realitätsfremd. Alles das, was erst oben treibt, landet am Grund, sobald es keinen Auftrieb mehr hat. Die Müllstrudel, die von den Meeresströmungen zu riesigen Plastikinseln zusammengetrieben werden, zerreiben sich zu Mikroplastik, das schon jetzt in den Sedimentproben gefunden wird. Wissenschaftler schätzten, dass etwa 270.000 Tonnen schwimmende Müllmasse im Wasser treiben – und 14 Millionen Tonnen bereits am Grund liegen. „Wir könnten Müllkarten anlegen, mit Bildern, die unsere ferngesteuerten Unterwasserfahrzeuge aufgenommen haben. Ich habe Glasflaschen, Coladosen, Flip Flops, Plastiktüten gefunden. Im Kuril Kamtschatka-Graben haben wir aus 8000 Metern Tiefe mal ganze Mikrowellen-Menüs in ihren Verpackungen rausgeholt, die sich bei uns in den Geräten verfangen hatten“, erzählt Saskia Brix. Und auch das sich erwärmende Wasser ist ein Problem. Es stimuliert die Algenblüte. Irgendwann regnen die abgestorbenen Organismen herab und ersticken den sonst mit Sauerstoff durchsetzten Grund. Tiefsee-Forscher, die Jahr für Jahr die gleichen Regionen ansteuern, berichten von rasanten Veränderungen. Schon nach wenigen Monaten haben sich manche Ökosysteme in ihrer Zusammensetzung komplett verändert. Es könnte also durchaus sein, dass Tiefseelebewesen von hier verschwinden, noch bevor wir sie überhaupt entdeckt haben. Dann bliebe das Unbekannte für immer ungekannt.

erschienen im Print-Magazin nomad, www.the-nomad-magazine.com

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