
Fotograf: Karl Hab für Patrick Seguin
Für ihre zweite Ausgabe zog die Design Miami Paris erneut dort ein, wo einst Karl Lagerfeld residierte. Dreißig Aussteller, darunter die einflussreichsten Designgalerien für Collectible Design, präsentierten im imposanten Ambiente des Hôtel de Maisons ein kuratiertes Best-of ihrer Sammlungen. Darunter fand sich feinsinniges Handwerk, brutalistische Gesten, eine nomadische Hütte von Jean Prouvé – und der eine oder andere Knicks vor dem französischen Standort.
Nach der Pionierveranstaltung 2023 versammelten sich vom 16. bis zum 20. Oktober 2024 die wichtigsten internationalen Designgalerien im Pariser Hôtel de Maisons. Neben Miami, Los Angeles und Basel festigten die Veranstalter damit einen zweiten europäischen Standort und einen weiteren Termin im globalen Designkalender. Das imposante Herrenhaus mit seinem weitläufigen und gut gezähmten Garten war in seiner Geschichte schon einmal Bühne fürs Design. Von 1984 bis 2010 mietete Karl Lagerfeld zwei Etagen in der 1706 vom Architekten Pierre Cailleteau geplanten und später aufwendig ausgeschmückten und bis ins Detail mit Ornamenten und Stuckarbeiten verzierten Residenz. Zur Design Miami Paris wurden die neoklassizistischen Elemente mit besonderen Designstücken aus dem 20. und 21. Jahrhundert sowie ikonischen Werken der Gegenwart zusammengebracht. Unter Kronleuchtern, zwischen Marmorkaminen und Holz-Schnitzereien trugen die Galerien aus New York, Mailand oder der Pariser Nachbarschaft französische Moderne, Materialexperimente, historische Avantgarde und brutalistische Möbelskulpturen zusammen. Die Besucherzahlen gaben der zweiten Ausgabe recht. „Am Tag der Vorpremiere konnten wir uns über eine Vervierfachung der Besucherzahl im Vergleich zum letzten Jahr freuen, mit einer starken internationalen Vertretung“, resümierte Jen Roberts, CEO der Design Miami.
Prouvés modulare Maison
Das unbestrittene Highlight stand dabei im Garten. Die Pariser Laffanour Galerie Downtown, spezialisiert auf Midcentury-Möbel vieler französischer Architekt*innen wie Charlotte Perriand, Jean Prouvé, Le Corbusier, Serge Mouille und Georges Jouve kam mit einem einzigartigen Exponat ins siebte Arrondissement. Sie hatten ein demontierbares Fertighaus von Jean Prouvé im Katalog, das der französische Architekt 1946 für sich und seine Familie entworfen hatte. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges begann Prouvé mit der Konstruktion zerlegbarer Häuser, die als Notgebäude in Elsass-Lothringen den akuten Bedarf an Wohnraum beantworten sollten. Um einen möglichst offenen Raum gestalten zu können, nutzte er einen zentral positionierten Rahmen als stützendes Element für ein Skelett aus Metall, in das Fassadenelemente aus Holz gesetzt wurden. Ursprünglich stand die Cabane in Prouvés Heimatdorf Carnac (aus dem sie auch den Namen „Maison Carnac“ mitnahm) – campierte aktuell während der Design Miami Paris für einige Tage auf der Rasenfläche des Hôtel de Maisons und wird bald bei einem neuen Besitzer errichtet werden. Denn bereits am Preview Day wurde die Hütte für über eine Million Euro verkauft, glücklich konnten sich diejenigen schätzen, die sie womöglich vorerst letztmalig besichtigten.
Seltene Prototypen
In solch einmaligen Installationen liegt die besondere Qualität einer Sammlermesse für diejenigen, die nicht sammeln – einzigartige Stücke der Designgeschichte können demokratisch besichtigt werden, bevor sie womöglich gut verpackt als Investitionsobjekt in einem Lagerraum landen. Die Lockheed Lounge, ein organisch geformter, schwebend leicht anmutender Blob-Sessel aus poliertem Metall beispielsweise machte Marc Newson berühmt. Weniger bekannt ist, dass er auch eine kleine Anzahl von verwandten Regalschränken fertigte. Die 1987 erstellte Serie mit zehn Exemplaren ist längst verkauft, der für die damalige Produktion hergestellte Prototyp findet sich aktuell im Katalog der Carpenter Workshop Gallery. Er verbindet industrielle Fertigungstechniken aus dem Flugzeugbau mit hochpräziser Handwerkskunst. Um die fluide Form aus Aluminiumblech überhaupt herstellen zu können, produzierte Newson zuerst eine Form aus Glasfaser und Kunstharz, die dann mit der genieteten Abwicklung verkleidet wurde.
Honig, Avokado und Kurkuma als Ressource
Überhaupt ist zu beobachten: Wo der Preis keine Rolle spielt, kann in die Herstellung und damit in manuell aufwendige oder speziell entwickelte Herstellungsverfahren und exklusive Materialien investiert werden. Die New Yorker Galerie Friedman Benda kam mit einigen zeitgenössischen Positionen. Der Künstler Daniel Arsham schloss zarte Holzgitterstrukturen in transluzenten Harz ein, um nahezu unsichtbare Stühle und Tische zu materialisieren, der mexikanische Gestalter und Materialforscher Fernando Laposse präsentierte ein Sideboard, das mit Intarsien aus von ihm entwickeltem Avocado-Leder verkleidet ist. Neben dem Filigranen und Feinsinnigen finden sich auch Objekte, die auf die unmittelbare Geste setzen, und damit archaisch, brutalistisch oder naiv auftreten. Der Schreibtisch Anasthesia des Briten Dr. Samuel Ross ist eine Interpretation europäischer Schreibtische aus dem 18. und 19. Jahrhundert, setzt sich aber aus zwei massiven Betonwangen mit aufgesetzter Tischplatte aus Stahl zusammen. Durch Zuschläge wie Honig, Ton und Kurkuma im Beton und bewusste Erosionsprozesse und Lackierungen entsteht ein Artefakt mit eingeschlossenen und aufgetragenen Informationen und Geschichten.
Monolitischer Bronzethron
Die Galerie kreo aus Paris brachte eines der letzten Werke des 2021 verstorbenen Designers Virgil Abloh mit, der als Revolutionär nahezu aller Gestalterprofessionen galt. Sein Tower Hills Chair wirkt wie ein Thron und kommuniziert mit behäbiger Silhouette und massivem Bronzevolumen stoische Unverrückbarkeit. Mit seinen 100 Kilogramm ist er ohnehin nicht für kurzentschlossene Neugestaltungen des Interieurs gemacht – einmal platziert ruht er an seinem Platz wie ein Felsen. Die Oberfläche des rund 50.000 Euro teuren Objektes allerdings beruft sich auf günstige Plattenware aus dem Baumarkt – ein für Abloh typisches Spiel mit Wert, Wertigkeit und Erwartung. Die unregelmäßige Textur erinnert an die versetzten Holzstreifen einer Grobspanplatte – und damit an ein Material, das typischerweise nicht dekorativ eingesetzt wird, sondern versteckt oder pragmatisch, etwa als Unterbodenkonstruktion, Zwischendecke oder Transportkiste.
Sieben Designerinnen, ein Material
Auch eine der Sonderausstellungen stellte eine Materialinnovation in den Fokus. Das Unternehmen Mycoworks hat eine natürliche Alternative zu Tierleder aus Myzelien entwickelt. Indem die fadenförmigen Pilzzellen gesteuert dreidimensional wachsen, entsteht Reishi – ein starkes, flexibles und widerstandsfähiges Material. Sieben Künstlerinnen und Designerinnen hat Mycoworks zusammen mit der Designagentur Paragone anlässlich der Design Miami Basel eingeladen, sich ein Jahr lang individuell mit Reishi auseinanderzusetzen, seine Qualitäten kennenzulernen und Potentiale auszuspielen. Reishi kann genäht, gefärbt, geklebt, geprägt oder lackiert werden. Die Gestalterinnen fanden entsprechend ihrer Professionen unterschiedliche Positionen, die vom gemeinsamen Material eingeklammert wurden. Die Pariser Interieurdesignerin Josphine Fossey entwarf eine minimalistische Stehleuchte mit strenger Geometrie, die die Farbe und Textur von Reishi nutzt, um ein weiches und gemütliches Licht zu erzeugen. Anna Le Corno, Gründerin der Kunsttischlerei Farouche, baute mit Undergrowth einen raumgreifenden Schreibtisch, dessen zwei Basiselemente mit Reishi bezogen wurden. Die unvollkommene, natürliche Textur korrespondiert mit der Oberfläche der Tischplatte aus Myrtenholz und der organischen Silhouette. Um die Widerstandsfähigkeit und Robustheit von Reishi zu demonstrieren, interpretierte die Innenarchitektin Marion Mailaender den Archetypus eines klappbaren Fischerhockers neu und machte ihn mit seitlichen Fransen und fein geschliffenem Holzgestell zu einem nomadischen Wohnmöbel.
erschienen bei www.baunetz-id.de

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