Studiobesuch llotllov

Eine Leuchte wie eine Piñata. In Beton gegossener Nagellack. Salze in Dimensionen zwischen Hagelkörnern und Kieseln, die frisch gestrichene Holzplatten gleich wieder erblassen lassen: Das Berliner Studio llot llov denkt und arbeitet maximal unkonventionell. Wir haben Ania Bauer, die neben Jacob Brinck zum Gründungsduo gehört, im weitläufigen Werkstatt-Loft besucht und ihr bei Forschung und Fertigung über die Schulter geschaut.

Das Studio von llot llov liegt da, wo alle Klischees über Berlin ihren Ursprung haben. Am Kreuzköllner Kanal fahren die Hipster Fixies spazieren, eine Straße weiter führt eine schmale und lange Hofzufahrt zu unrenovierten Lofts. Vor der Tür des industriellen Altbaus muss sich das temporäre Gemüselager eines türkischen Supermarktes mit dem Platzbedarf der ansässigen Autowerkstatt arrangieren. Eigentlich ist heute ein Feiertag, aber das macht in einer Stadt, die immer und nie arbeitet auch keinen Unterschied. Ania Bauer und Jacob Brinck haben ihr Studio vor fast 15 Jahren gegründet. Damals lag die Adresse noch am Hackeschen Markt, und die Designer arbeiteten im hinteren Teil des Ladens, während die Fläche an den großen Fenstern immer mehr zum Showroom wurde. Der Strukturwandel bewog die Designer irgendwann zur Teilung des Konzepts. Das Studio bezog eine Werkstatt – und aus dem Schaufenster wurde ein Concept Store auf der Mulackstraße. Im BAERCK Shop vertreibt llot llov heute nicht nur die eigenen Produkte, sondern kuratierte Mode, Möbel und Accessoires. Es finden Ausstellungen und Events statt, die im Kosmos des Studios entstehen. Der Workspace in Kreuzkölln hingegen ist Büro, Fotostudio, Lager und vor allem Labor, in dem viel experimentiert wird.

Designer ohne Grenzen
Die beiden Designer arbeiten ohne streng umrissene Professionsgrenzen, entwickeln Raumkonzepte vom Laden- bis zum Wohnraum, erweitern die eigene Produktkollektion und forschen in Materialfragen. Wie wirkt sich die aktuelle Krisensituation auf die vielen Arbeitsfelder aus? Man gibt sich fatalistisch. Seit ein paar Tagen ist der Concept Store wieder offen, die Touristen fehlen, und die Berliner sind noch zögerlich. Die Interieur-Projekte hingegen haben eine lange Laufzeit. Bereits Begonnenes wird fortgesetzt, aber vormals enge Kalender-Kalkulationen sind merklich entzerrt. Was bleibt, ist Zeit – eine seltene Ressource für Designstudios. „Wir haben momentan die Ruhe, in die Werkstatt zu gehen und Dinge zu machen, die im Studioalltag sonst als kreativer Luxus empfunden werden – aber am Ende auch genau das sind, was unsere Arbeit mit ausmacht“, erzählt Ania Bauer.

Salz und Sägespäne
In einem Raum des Studios stapeln sich Farbeimer und Materialien, es liegt der Geruch von frisch gesägtem Holz in der Luft. Eine typische Designwerkstatt, wären da nicht die riesigen Säcke mit unterschiedlichen Salzen, die mitten im Raum stehen. Vor einigen Jahren haben llot llov mit Osis eine Oberflächengestaltung für Holz entwickelt, die sich üblichen Kategorisierungen entzieht: Sie ist kein Produkt, kein Möbel, keine Raumlösung. Llot llov entwirft auf Nachfrage mit dem Material zwar individuelle Schreibtische oder Regale, die auch in Editionen aufgelegt werden. Meistens verlässt Osis das Studio aber als Plattenware, bestellt wird es vor allem von Architekten und Objektausstattern, die Entwürfe ihrer Einbauten direkt an llot llov schicken. „Eines der letzten besonderen Projekte war die Villa Kellermann, das neue Restaurant von Tim Raue in Potsdam“, sagt Ania Bauer. „Ester Bruzkus hat das Interieur entworfen – und das Mobiliar teilweise aus Osis-Platten fertigen lassen.“

Vom Experiment zur Expertise
In den Regalen der Werkstatt liegen hunderte von Musterplatten, mal kontrastreich gescheckte Varianten, mal ätherisch monochrome. Daneben aufgereiht Pigmentversuche auf verschiedenen Holzgründen und kleine Beutel voll bunter Salzkristalle. Begonnen hat die Geschichte von Osis vor knapp sechs Jahren. Inspiriert von textilen Färbetechniken wollte llot llov osmotische Verfahren auf Holz übertragen. Dabei nutzen sie die Eigenschaft von Salzkristallen, Wasser zu ziehen. Wenn auf frisch gebeizte Holzflächen Salz aufgebracht wird, saugt es die umgebende Flüssigkeit samt Pigment bis zur Sättigung auf. Die Flächen rund um den Kristall hellen sich wie eine Aureole auf. „Der Prozess selbst ist eigentlich simpel. Komplex machen ihn die Detailentscheidungen: Welches Pigment ich benutze, das Holz, die Körnung des Salzes, optional eingefärbte Kristalle, oder mit welcher Technik ich es aufbringe. Um die unterschiedlichen Effekte zu finden, mussten wir lange experimentieren.“

Ein Dialog von Salz und Holz
Mal erinnert die Ästhetik an ein zartes, im Regen vergessenes Aquarell, mal an die kräftige Farbenschau eines Pfauenrades. „Mittlerweile verstehen wir den Dialog von Holz und Salz intuitiv“, stellt Ania Bauer fest. Die eigene Expertise bedeutet aber auch, dass die Produktion aufgrund ihrer handwerklichen Ausdifferenzierung nicht einfach an Dritte abgegeben werden kann. Jede Rohplatte wird im Studio gefertigt, die Veredelung erfolgt in einer spezialisierten Holzwerkstatt. Dadurch ist die Zusammenarbeit mit den Kunden und Partnern unmittelbar, Varianten können direkt getestet und besprochen werden, bevor die Produktion erfolgt. Ein Verfahren, dass sich gerade unter den aktuellen Umständen als großer Vorteil erweist. „Wir arbeiten mit Osis hyperlokal. Die Platten gehen vom Studio in die Holzwerkstatt und dann zum Projekt. Wenn das in Berlin liegt, muss die Stadtgrenze im Produktionsverlauf im Prinzip nicht gekreuzt werden.

Ausgezeichnete Forschung
Diese Arbeitsweise erzählt viel von der Haltung beider Gestalter, die ihre Projekte vom Entstehen über die Umsetzung bis zur Finalisierung oder dem Vertrieb nah bei sich belassen. So vorzugehen bedeutet eine maximale Kontrolle über das Ergebnis. Wer den großen Lagerraum betritt, findet in den bis unter die Decke reichenden Stahlregalen Prototypen, Materialien und Bauteile ebenso wie die einheitlich in braune Kartons verpackten, fertigen Möbel und Accessoires. Zusammen liest sich alles wie eine dynamisch gewachsene Ausstellung, die den Werdegang der Produkte dokumentiert. Die Leuchte Fran ist eine von Piñata und Bast-Sonnenschirmen inspirierte Leuchtenserie, die in ihren verschiedenen Entwicklungsstadien und Varianten unter der Decke einen Fransenhimmel bildet. Auf den Tischen darunter liegen Stapel von Terrazzo-Quadraten. Die Platten sind eine aktuelle Kooperation mit dem Kosmetikhersteller Cosnova, der nach Materialinnovationen zum Recycling von Nagellackfläschchen gefragt hat. Llot llov goss sie in Beton, und schliff sie wieder frei – sie erinnern an in Marmor konservierte Schnecken, sind aber doch nur industrielle Kosmetik-Fossilien. Dafür erhielt das Studio 2018 eine Anerkennung beim biennal ausgelobten deutschen Materialpreis. Bei der vorhergehenden Ausgabe 2016 lief es noch besser – da schaffte es Osis auf einen ersten Platz. Mit den Werkzeugen des Designs lässt sich eben auch erfolgreich forschen.

Fotos: © Tanja Pabelick

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