Välkommen 2000 – IKEA digital

Mit dem Zeitgeist ist es ja so: Man kann ihn kaum klar umreißen, solange man von ihm umgeben ist. Der Rückblick hingegen lichtet den Nebel und zeigt die vergangenen Trends mit klaren Silhouetten. Jetzt hat das IKEA Museum im schwedischen Älmhult ein Projekt realisiert, das uns bei der Spurensuche nach dem Leben von früher zum Nachschlagewerk wird.

Zum 70. Geburtstag des IKEA-Kataloges wurden alle Ausgaben digitalisiert und können online durchgeblättert werden. Darin finden wir alte Bekannte wie das Billy-Regal, das man seit 1987 im schwedischen Möbelhaus kaufen kann. Seine Beliebtheit lässt einfach nicht nach. Aktuell läuft alle drei Sekunden ein Billy vom Produktionsband, landet in einem der 433 Einrichtungshäuser und zieht in einen Haushalt irgendwo auf der Welt ein. Der Beistelltisch Lack ist bereits seit 1979 im Programm und auch das Sofa Ektorp gehört zu den IKEA-Dauersellern.

Ausgestorbenes Mobiliar
Aber es gibt eben auch die Produkte, die nur kurz einen Platz im Portfolio finden konnten. Weil sie sich zu sehr an die vergänglichen Tendenzen aus Popkultur und Mode ankuschelten. Weil sie auf Materialien setzten, die sich schnell überlebten. Oder weil sie Lebenswelten ausstatteten, die schlichtweg ausgestorben sind. Wer wohnt schon heute noch mit wandmontierbaren Schwenkarmen für Röhrenfernseher oder rollbaren Computertischen?

Und morgens grüßt das Millennium
Immer dann, wenn der zeitliche Abstand eine Einordnung möglich macht, wiederholt sich ein Phänomen: Während die Zeitzeugen vielleicht nostalgisch, meist aber entsetzt auf viel gestalterischen Frevel zurückblicken, entdeckt die nächste Generation hier ein stilistisches Füllhorn. Die Neuentdeckung wird ins Jetzt integriert, neu interpretiert und als Trend gefeiert. In den Neunzigern holte sich die Jugend die Siebziger zurück, in den Nullerjahren die Achtziger. Und heute, im Jahr 2020, erleben wir ein Revival der Zweitausender, die sich ja bereits der Achtziger bedient hatten. Zwanzig Jahre Abstand – das scheint die magische Grenze für alten Kram im neuen Leben zu sein. Denn unser Besitz verändert langsam sein Gesicht. Niemand wirft Mode und Möbel im Kollektiv raus, um alles mit den Dingen der neuen Saison zu ersetzen. Nach zwei Jahrzehnten aber hat sich ein Zustand mit schleichender Dynamik so aufgelöst, dass er als neu wieder einziehen kann.

Humanisierte Produkte und Aufblas-Blobs
Wenn wir also den IKEA-Katalog aus dem Jahr 2000 aufschlagen, können wir der Lebenswelt des neuen Millenniums einen ungefilterten Besuch abstatten. Was zuerst auffällt: Die Nullerjahre stopften den Wohnraum bis in die letzte Ecke aus. Wer vergleichend durch die Ausgabe von 1968 blättert, der findet dort eine reduzierte und aufgeräumte Variante des demokratischen Wohnens: Textilien, Stahlrohr, ein paar Deko-Objekte. 2000 hingegen wirkt heute auf uns wie Futurismus vom Grabbeltisch. Silbern lackiertes Plastik, Aufblasmöbel und viel zu viel Krempel bis aufs letzte Regalbrett. All das zeigte die Tendenz zur Überdosierung des Konsums, aber auch, dass 2000 ein Jahr des technologischen Optimismus war. Das Internet war ein junger Mitbewohner und die New Economy versprach eine Zukunft grenzenloser Möglichkeiten. Davon erzählte allein schon die Pantone Farbe des Jahres 2000: Cerulean klingt nicht nur nach einem Planeten eines entfernten Sonnensystems, es sieht auch danach aus. Das kühle Himmelblau erinnert an den Horizont an einem Wintermorgen. Es soll als Raumfarbe entspannend wirken und ist dafür dann doch etwas zu eisig.

2020 – Ein Jurassic-Park für Möbel-Dinosaurier?
Zum Jahrtausendwechsel widmeten sich Designer nicht länger nur dem Mobiliar, sondern auch den kleinen Dingen des Alltags. Es gab nicht mehr nur die eine, an der traditionellen Typologie orientierte Zitronenpresse, sondern beispielsweise auch Philippe Starcks an einen Alien erinnernde Juicy Salif von Alessi. Und IKEA bewarb 2000 nicht mehr eine Wanduhr, sondern präsentierte gleich zwölf. Unter denen konnte dann wohl jeder ein Exemplar finden, das dem individuellen Wohngefühl entsprach. Eine, die wackelt. Eine ohne Ziffern. Eine aus Wellpappe, eine aus Holz, eine aus Plastik, eine aus Zink. Ein paar Seiten weiter wird dann wiederum letzteres als Trendmaterial dekliniert. Ein Abfalleimer aus Zink, eine Aufbewahrungsbox, ein Teelichthalter.

Der Dalmatinerprint hat ausgebellt
Vieles davon löst heute einen schaurigen Grusel aus: Leuchten mit Beinen? Gut, dass die uns nicht tatsächlich durchs Leben verfolgen konnten. Dalmatinerprint auf dem Sofaüberwurf? Da bellt nun wirklich – trotz des Disney-Klassikers von 1996 – heute kein Hund mehr nach. Und auch bei den Aufblasmöbeln ist die Luft raus. Aber: Manches geht auch schon wieder. Wie etwa die stoffbezogene, monochrome Liege Årjäng. Und: Für Kinder der Achtziger, die mit der Jahrtausendwende noch nicht wieder können, empfiehlt sich ein Zeitsprung ins Revival vor dem Revival. Da hat Niels Gammelgaard fantastische Metallmöbel wie das Sofa Moment oder die Klappstühle Ted Net entworfen. Die dürfen wir aber nun wirklich nicht unseren Eltern zeigen.



Bilder: ©IKEA Museum

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