Modell Kolbermoor: Wandel durch Erhalt

Das oberbayerische Kolbermoor ist in vielerlei Hinsicht eine Modellstadt: Es wurde vor gerade einmal 160 Jahren rund um eine Baumwollspinnerei gegründet. Nach Schließung der Fabrik im Jahr 1992 wurde es still im Ort. Viele Bewohner nutzten Kolbermoor nur noch als Schlafstadt. Über das letzte Jahrzehnt hinweg gelang Politikern und Investoren dann ein ungewöhnlicher Coup. Kolbermoor hat durch die Wiederbelebung seines historischen Industrie-Ensembles zu einer neuen Identität gefunden. Peter Kloo ist Bürgermeister von Kolbermoor – und hat die Geschichte dieses Wandels mitgeschrieben.

Peter Kloo ist tief in Kolbermoor verwurzelt. Schon sein Vater war einst Bürgermeister und machte ihn bereits in jungen Jahren mit den Eigenarten seiner Heimat vertraut: „Kolbermoor tickt anders“, erklärte er. Seit Peter Kloo selbst der Verwaltung vorsteht, gibt er ihm recht. Der Kolbermoorer ist flexibel und offen gegenüber Veränderungen, während die anderen Städte der Region oft an ihren Traditionen und Gewohnheiten kleben. Die Antwort auf das Warum ist für Kloo recht einfach: Die Stadt ist einfach zu jung.

Die Gegend, in der heute die Stadt Kolbermoor steht, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts kaum besiedeltes Umland. 1857 kam die Eisenbahn ins Mangfalltal und mit ihr die Haltestelle Kolbermoor, sowie ein paar Investoren aus München, die in der hier steil abfallenden Mang Potential sahen. Sie eröffneten eine mit Wasserkraft betriebene Baumwollspinnerei. Die Arbeiter wanderten aus Niederbayern, aus Norditalien, dem Elsass oder Lothringen zu. Welten trafen aufeinander: eingesessene Bauernfamilien auf Zugezogene, etablierte Landwirtschaft auf neu aufkommende Fabrikarbeit, Tradition auf Moderne. Eingliedern wollten die existierenden Gemeinden die Neulinge nicht – und so wurde aus der Spinnerei und ihren Angestellten eine eigene Ortschaft; das heutige Kolbermoor. Die Spinnerei übernahm Verwaltungsaufgaben und steuerte den Siedlungsbau, sie prägte die Entwicklung und die Identität des Ortes. In früheren Zeiten war eigentlich jeder Kolbermoorer irgendwie mit der Spinnerei verknüpft.

Peter Kloo selbst hat noch als Elektroniker in der Spinnerei gearbeitet, bis diese 1992 geschlossen wurde. Er hat damals die mechanischen Steuerungen auf digitale Systeme umgestellt und den Beginn der Einsparungen miterlebt, die die Fabrik eigentlich konkurrenzfähig machen sollten. Es war der letzte Versuch, die Textilindustrie in Deutschland zu erhalten. „Das alte Kolbermoor, das von der Spinnerei geprägt war, hat zu der Zeit ein Parallel-Kolbermoor bekommen. Das Kolbermoor derjenigen, die nach München pendeln und sich nur außerhalb des S-Bahn-Bereiches etwas leisten konnten.“ Diese Bürger hatten kaum Bindung zum Ort. Jedes Grundstück war ein eigener Satellit, angebunden vor allem an die Infrastruktur der größeren Nachbarstädte. Die wiederum blickten mit viel Argwohn auf das bunt gewachsene Kolbermoor. Fehlte mal ein Fahrrad, flüchtete der Dieb laut Zeitungsschlagzeile schon mal „Richtung Kolbermoor“.

„Wir haben kein über Generationen etabliertes Bürgertum. Das aber macht Veränderungen, auch in Bezug auf die Baukultur, sehr viel einfacher“, erklärt Peter Kloo. 1992 fehlte es allerdings überhaupt an Visionen. Die Flächen der Spinnerei wurden teils veräußert, die Werkswohnungen gingen an die Stadt Kolbermoor – und die Fabrik und ihr Areal wurden zur Brache. „Man baute einen Zaun drumrum und der Direktorenpark dahinter verwilderte“, erzählt Peter Kloo. „Alle stellten sich die Frage: Was machen wir mit 65.000 Quadratmetern Geschossfläche mitten in einer überschaubaren Stadt? Den Bestand zu erhalten war zunächst keine Option. Aber der Stadtrat fand auch keine Alternativen. Immer wieder wurden neue Ideen vorgestellt – und abgelehnt.“

2002 trat Peter Kloo den Bürgermeisterposten an, während zeitgleich der Denkmalschutz nach Kolbermoor schaute und die Besonderheit des Ensembles feststellte. Die Kombination aus Ziegelbau und Stahlbau ist Zeugnis der sich um die Jahrhundertwende verändernde Baukultur und deshalb bis heute spannend für Architekturinteressierte. Peter Kloo setzte sich für den Erhalt der großzügigen Industriebauten ein, suchte aber weiter nach sinnvollen Nutzungskonzepten. Bis er Klaus Werndl traf, der mit seinem Unternehmen Quest gerade die denkmalgeschützte Kunstmühle im nahen Rosenheim saniert hatte. „Ich fragte ihn, ob er nicht Interesse an dem Projekt hätte.“ Werndl hatte, und er wollte den Geist des Ortes, der schon immer Leben, Wohnen und Arbeiten verknüpft hat, wiederbeleben. „Die Vision von Klaus Werndl hat sich von den Ideen anderer Investoren abgehoben. Er ging mit einer Philosophie an das Projekt.“

Zuerst wurden die historischen Bauten der Spinnerei revitalisiert. Es entstand ein vielschichtiges Nutzungsgefüge, das sich auf Kessel- und Turbinenhaus, Färberei, Batteursgebäude, Baumwollmagazin und Pförtnerhaus verteilt. Die Kolbermoorer finden hier Ladengeschäfte und Arztpraxen, Restaurants, die Akademie der Bildenden Künste, mehrere Veranstaltungsräume und Übernachtungsmöglichkeiten. Die Spinnerei ist zu einem kreativen Ort geworden, der heute gerade von seiner Weitläufigkeit profitiert. Er lässt den vielen unterschiedlichen Nutzern Luft. „Werden solche Orte zu eng geplant, entsteht oft Reibung.“ erklärt Peter Kloo. Aus diesem Grund wurde auch der Beschluss gefasst, den Park als Baufläche für weiteren Wohnraum zu nutzen. Das renommierte Büro Behnisch Architekten hat hier fünf sogenannte Y-Häuser geplant, die mit ihrer ungewöhnlichen Grundrissform und großen Balkonen in einen Dialog mit dem Grün gehen. „Wir haben die zugewachsene Grünanlage wieder öffentlich zugänglich gemacht – und ihre Qualität erhalten.“ erläutert Peter Kloo. Durch die Belebung der Spinnerei ist ein neues Zentrum für die Stadt mitten in der Stadt entstanden. Kolbermoor hat seine Vergangenheit in die Gegenwart geholt – und dabei etwas für die Zukunft gelernt. Und das wirkt auch aufs Umland als Magnet. Menschen kommen aus Rosenheim oder München in die Spinnerei, um ein Konzert zu besuchen oder eine Hochzeit zu feiern. „Das war ein Quantensprung für Kolbermoor.“ meint Peter Kloo. Dabei hat die Transformation auch politisch Spuren hinterlassen. „Früher hatten wir nur ein Ziel im Fokus – die Schaffung von Wohnraum. Da ist viel Standard umgesetzt worden. Jetzt diskutiert der Stadtrat bei jeder Bauleitplanung über den städtebaulichen Mehrwert, über Kontext und Qualität. So etwas lernt man, wenn man seine Stadt mehr oder weniger ein zweites Mal am Reißbrett planen muss.“

Der Artikel ist im Quest Baukultur Magazin erschienen.

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