
Wohin man in Bruneck, der größten Stadt des Südtiroler Pustertals auch blickt, irgendwo sind immer die Berge zu sehen. Die höchsten überragen mit einer weißen Schneekuppe sattgrüne Waldgürtel, die Ausläufer des Hausbergs Kronplatz fließen direkt in die Stadt. Die Natur ist mit ihrem alpenländischen Charme und mediterranem Einschlag in Bruneck die wichtigste Protagonistin – und für den Kosmetikhersteller Team Dr. Joseph ist sie eine der wichtigsten Mitarbeitenden. Das Unternehmen sitzt in einem Gebäude des Architekten Bruno Ruber. Allein das Haus erzählt viel über Haltung und Philosophie der Marke. Das Headquarter wurde im Jahr 1999 in Holzbauweise errichtet – lange bevor das grüne Potential für CO2-neutrale Bauten das Material wieder in den Fokus der Architekten rückte, aber früh genug, um 2002 mit dem ersten Südtiroler Holzbaupreis ausgezeichnet zu werden. Vor den bodentiefen Fenstern liegt ein üppiger Kräutergarten, direkt hinterm Haus plätschert das Flüsschen Rienz durchs Tal. Joseph Franz ist mitten in dieser Idylle aufgewachsen. Sein Unternehmen Team Dr Joseph wurde 1986 gegründet. Damals war Franz ein Pionier im Bereich der Naturkosmetik. Heute ist er mit seinem ganzheitlichen Blick auf die Welt und mit seiner Fusion von Natur und Hightech nicht weniger als ein erfahrener Avantgardist, der immer seinen eigenen Weg gegangen ist.
Herr Franz, wie ist aus Ihnen ein Pionier geworden?
Pionierleistungen passieren immer zu einem Zeitpunkt, an dem viele andere eine Idee nicht einmal denken. In den 1970er Jahren war Umweltschutz weder in der Politik, noch in der Bevölkerung ein relevantes Thema, trotz offensichtlicher Fehlentwicklungen wie dem Waldsterben. Niemand hat langfristige Strategien dazu entwickelt, wie mit den gegebenen Ressourcen umzugehen wäre. Instinktiv habe dazu einen inneren Widerstand gespürt.
Wie sind Sie aufgewachsen?
Meine Familie hatte eine Weberei, wir hatten Schafe und haben Leinen angebaut. Hier habe ich Handel und Handwerk mitbekommen, es wurde über Umsätze geredet oder über die Beschaffung von Rohstoffen. Der Vater meiner Mutter hingegen war Arzt in Brixen und auch diese Welt, die Erinnerung an seinen Doktorkoffer voller Medikamente, hat mich geprägt. Ein dritter Einflussfaktor war sicher auch das Umfeld in dem ich aufgewachsen bin: Mitten in Südtirol, mitten der Natur. Schon als Kind war ich mit viel Neugier unterwegs und die Beschäftigung mit der Natur hat mich immer wieder auf neue Ideen gebracht.
Eine Idee hat Sie zur Gründung ihres Unternehmens geführt. Welche war das?
Ich habe viel Sport getrieben, vor allem Eishockey, dann hatte ich eine schwere Sportverletzung. Schon in jungen Jahren, nach meinem BWL-Studium, sollte ich ein neues Gelenk bekommen. Das brachte mich zurück zur Natur. Ich begann nach etwas zu suchen, von dem ich noch gar nicht so genau wusste, was. Aber es führte mich an die pharmakologische Universität nach Urbino, wo ich bei einem Fachmann für Heilkräuter studierte. BWL und Kräuterheilkunde – was sollte ich daraus machen? Meine erste, nicht ganz uneigennützige Idee war, einen Naturkostladen zu gründen, um so vollwertige Lebensmittel in die Stadt zu bringen. Nach und nach habe ich immer wieder im Bereich der Kosmetik experimentiert, etwa mit Steinen und Mineralien.
Wenn Joseph Franz von den Anfängen seines Unternehmens erzählt, dann klingt das mehr nach den 1980ern im Silicon Valley als nach Südtirol. Sein erstes Labor war eine Garage. Mit ein paar Helfern hat er dort angefangen, die ersten Produkte und Methoden zu entwickeln. Nur wenige Menschen in Europa interessieren sich zu dieser Zeit für nachhaltige und natürliche Kosmetikprodukte. Joseph Franz aber spürt intuitiv, dass er sich auf dem richtigen Weg befindet – und dass er diesen Weg quasi blind begehen muss, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Weil er Vordenker ist, gibt es keine Vorbilder, keinen Kompass, keine klare Zielsetzung. Und weil er damals auch nicht weiß, wo es hingeht, kann er auch nicht sicher sein, dass seine Bemühungen sich finanziell auszahlen werden. Zu dieser Zeit braucht es vor allem Vertrauen – in sich und seine Vision.
Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Respekt vor der Natur gehörten von Anbeginn an zu den ethischen Grundsätzen ihres Unternehmens. Wieso ist Ihnen das so wichtig?
Der natürliche Ansatz, aber auch die nachhaltigen Strategien sind Werte, die wir in unserer Familie immer hatten. In der Weberei wurden keine synthetischen Fasern verwendet, wir haben auf einfache und gute Dinge gesetzt. So habe ich es in meinem eigenen Unternehmen fortgeführt. Ich habe meine Mission immer darin gesehen, nur naturnahe oder natürliche Produkte zu verwenden. Wichtig ist auch, sich seiner Verantwortung bewusst zu sein. Nachhaltigkeit bezieht sich nicht nur auf den Rohstoff, die Verpackung, den organisatorische Ablauf oder der Transport. Wir leben in einer vernetzten Welt, in der sich aus jeder Handlung Konsequenzen ergeben. Die Frage darf meiner Meinung nach nicht sein, ob und wo ich Schandtaten begehe – sondern ob ich generell die richtige Geisteshaltung habe und meine Werte in allen Bereichen vertrete. Ich handle immer nach meinen Überzeugungen und meiner Philosophie.
Ökologisches Handeln und ökonomische Ziele – sind das Gegensätze oder unternehmerische Ziele, die sich verbinden lassen?
Der übliche Weg für ein wirtschaftlich agierendes Unternehmen sind Wachstum und Gewinn. Ich formuliere das ökonomische Ziel um: Das Unternehmen muss sich zur Qualität hin entwickeln. Auch in der Natur geht das quantitative Wachstum in ein qualitatives über. Erst wächst der Baum in die Höhe, dann in die Breite. Statt auf den Gewinn setzt er auf den langfristigen Nutzen. Was heisst das auf ein Produkt übertragen? Es hat einen positiven Wert für den Konsumenten oder besser noch für das gesamte System. Ich strebe nicht die Vermehrung des Gewinns an, sondern des Nutzens. Das war vor vierzig Jahren mein Credo, als ich Team Dr Joseph gegründet habe – und ist es auch heute noch.
Joseph Franz war der Pionier, der mit der großen Vision vorgeprescht ist, den Blick stur nach vorn gerichtet. Was andere Unternehmen links und rechts seines Weges machten, hat ihn nicht interessiert. Die nächste Generation, seine drei Kinder Fabian, Viktor und Lena, sind jetzt mit im Unternehmen. Damit führen sie den interdisziplinären Geist, der seit der Gründung im Unternehmen herrscht, fort. Am Anfang war es bei Joseph Franz der Dreiklang aus Biologie, Chemie und die Natural Intelligence, Fabian und Viktor kommen mit einem Background in Architektur und BWL, Lena ist Theaterwissenschaftlerin. Vermeintliche Gegensätze waren für Joseph Franz schon immer der Samen für die Innovation. Dass seine Kinder nach und nach trotz anderer Pläne zurückgekommen sind, lag auch an der wirtschaftlichen Großwetterlage: Am Ende haben alle ein Unternehmen gesucht, dass sozial und ökologisch verantwortlich handelt und das moralisch die „richtigen“ Entscheidungen trifft – und sind „Zuhause“ gelandet.
Das ganze Gespräch ist in englischer Sprache im Nomad Magazin erschienen.
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