Wipfelstürmer

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Nicht nur in Design und Architektur erlebt die Natur als Inspirationsgeber eine Renaissance, auch in die Lebenswelten durfte sie wieder einziehen. Wald und Flur sind geradezu hip, der Rückzug in ein einsames Wochenendhäuschen im Niemandsland ist nicht mehr nur eine kauzige Passion misanthropischer Künstler, sondern auch jungen Pärchen aus pulsierenden Metropolen gestattet. Mit diesem erweiterten Publikum haben sich parallel neue Modelle für die naturnahen Rückzugsgebiete etabliert. Das Baumhaus – für viele ein beinahe vergessener Kindheitstraum – ist in den letzten Jahren sachlich und erwachsen geworden und hat sich neu gestaltet zu einem mondänen Zufluchtsort entwickelt.

Mit allem Komfort thronen sie in den Kronen: kleine, geradlinige Nester aus Lärchenholz. Von Bretter-Patchwork und intuitiver Statik sind diese Baumbauten weit entfernt. Stattdessen sind ihre Wände gedämmt und auf Wunsch können sie sogar mit Heizung und Elektrizität ausgestattet werden. Die Idee von modernistischen Kuben in deutschen Eichen und Apfelbäumen stammt von Andreas Wenning, der mit seiner Firma Baumraum mittlerweile über zwanzig Häuschen in die Wipfel gesetzt hat. Und wie so oft bei erfolgreichen Geschäftsmodellen hat auch bei dem Bremer Architekten alles mit der persönlichen Begeisterung für die abgehobenen Residenzen begonnen. Den ersten Prototypen entwarf er für sich und verwirklichte ihn über den Dächern Groß Henstedts bei Bassum. Das schrägwinklige Gebilde mit dem Ausblick auf den Blätterwald erwies sich bald als eine Marktlücke – und mit der begeisterten Resonanz auf seine Arbeit ließen auch die Folgeaufträge nicht lange auf sich warten.

Zurück zu den Wurzeln auf die Wipfel der Bäume

Doch woher kommt die Faszination für das zeitlich begrenzte Leben in luftiger Höhe? Ein Grund mag sein, dass der Rückzug aus dem Alltag auf die Baumkronen den distanzierten Blick auf das dynamische Leben darunter erlaubt. In Ruhe und Abgeschiedenheit kann man die Welt beobachten ohne selbst beobachtet zu werden. Nicht umsonst betrachtet man die Dinge laut einer Redensart „von oben“ wenn es darum geht, neue Perspektiven zu gewinnen. Die festungsartige Unerreichbarkeit hoch gelegener Heime wussten auch schon die alten Römer und die Naturvölker in Asien, Australien und Südamerika zu schätzen. Kapitän James Cook entdeckte bei seiner Landung in Tasmanien strubbelige Strohhäuser in den Bäumen, die er zu Hause als Nestbauten der Eingeborenen beschrieb. Der Vorteil für die Bewohner liegt auf der Hand: Mit geringen Mitteln ist das Haus vor den Gefahren im Unterholz gesichert – sobald die Leiter eingezogen ist, wird das Erklimmen schwierig. Für die heutigen Stadtbürger ohne natürliche Feinde sind natürlich vor allem die fehlenden Nachbarn ein Argument für das Häuschen auf dem Baum. Zwischen Ästen und Blättern fühlt man sich im Einklang mit der Natur und befreit sich von alten Modellen wie der Datscha, die als Parzelle der Spießbürgerlichkeit nur noch wenige hinter den Lattenzaun lockt.

Naturnahe Domizile

Die Architekten der hoch gelegenen Häuser sind Überzeugungstäter und wissen genau um die Vorlieben und Ansprüche ihrer Auftraggeber. Eine ökologische und nachhaltige Bauweise ist Teil des Erlebnisses, denn der Besucher des Baumhauses möchte sich als Gast und nicht als Eindringling fühlen. Andreas Wenning etwa achtet penibel darauf, dass der Baum durch sein Konstrukt nicht verletzt wird und mit ihm weiter wachsen kann. Statt mit Bolzen und Nägeln zu arbeiten stützt und verspannt er überall dort, wo die von der Natur angebotene Statik nicht ausreicht. Und auch die Innenarchitektur inszeniert den Rückzug in die Natur ganz bewusst, schafft Blickachsen ins dichte Grün oder öffnet mit weiten Fenstern den Blick gen Himmel.

Ufo im Grünen

Aber nicht nur in Deutschland hat man das Baumhaus für sich entdeckt. Vor allem in Asien, wo Stelzenhäuser eine lange Tradition haben, will man jetzt auch wieder hoch hinaus. Neben einigen eher klassisch gebauten Hotelprojekten im Urwald, die eine abenteuerlustige Zielgruppe an die Lianen bringen wollen, gibt es auch futuristische Konzepte wie „Sphere“, das sich das in London ansässige Team von „Our Planet Retreats“ ausgedacht hat. Wie ein Ufo, das sich beim Landen zwischen den Ästen verfangen hat, schwebt die hölzerne Kugel an Traumzielen wie den Philippinen oder Papua Neuguinea inmitten der Bäume. Anders als bei den klassischen Modellen wird „Sphere“ nicht direkt am Stamm befestigt, sondern über Stahlseile verspannt und ist damit durch seine Architektur nicht an einen bestimmten Baum gebunden. Wer also umziehen will, kann in diesem Fall sein rundes Häuschen einfach mitnehmen – gesetzt den Fall man bleibt ihm Wald.

Erschienen auf Designlines

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