Berliner Schule, Part 1 : Die UdK

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UDK BERLIN

Die Universität der Künste Berlin ist mit ihren 4700 Studenten die größte Kunsthochschule Europas. Das fällt innerhalb der Disziplinen allerdings nicht unbedingt auf. Die einzelnen Fakultäten residieren ohne zentralen Campus an 16 Standorten und liegen teilweise ganze Stadtteile voneinander entfernt. Das potentielle Manko nutzt die UdK indessen zu ihrem Vorteil. Im Fachbereich Produkt- und Modedesign hat in den letzten Jahren eine Aufweitung der Profession stattgefunden, bei der die Absolventen durch interdisziplinäres und kooperatives Arbeiten zum kritischen Dialog aufgefordert werden.
Wer sich zur UdK durchfragt wird von den älteren Berlinern oft korrigiert: „Ach, zur HdK meinen Sie?“ 2001 wurde die Hochschule zur Universität, eine kleine Änderung, die eine große Aussage über die Wahrnehmung der Schule in der Berliner Universitätslandschaft trifft. Das liegt auch an der Nachbarschaft. Die Hauptgebäude der Universität der Künste und der Technischen Universität stehen in einem gemischten Gebäudegefüge ihrer beiden Fakultäten. Im städtebaulichen Dreieck zwischen der Straße des 17.Juni und der Hardenbergstrasse in Berlin Charlottenburg ist eine besondere Nähe von Kunst und Technologie entstanden, die sich auch in einem gemeinsamen Bibliotheksgebäude zeigt. Axel Kufus, Professor im Fachbereich Produktdesign an der UdK, empfindet das Dazwischen als typologisch: „Polyzentrisch passt zu Berlin – eigenständige Milieus, interne Wege und gemeinsame Codes, weit entfernt die Zentrale als rein verwaltende Figur.“ Und er sieht genau in diesem Konglomerat Potentiale für die interdisziplinäre Zusammenarbeit – auch in seinen Studienbereich. „Es wächst der dringende Bedarf nach einem expliziten, konzentrierten Ort der Kooperationen. Ein Ort als Labor für experimentelle Projekte zwischen den Wissenschaften und den Künsten, zwischen UdK Berlin und TU, zwischen Forschung und Lehre, zwischen Campus und Stadt und damit auch zwischen Hochschule, Wirtschaft und Gesellschaft.“



Experimentelles Kreativlabor
Innerhalb der eigenen Institution bietet die UdK in der zu Beginn jeden Jahres das Projekt Campus Kollisionen, ein einwöchiges Austauschprogramm zwischen Kunst und Theater, Design und Architektur. Und auch in der Fakultät Mode und Produktdesign hat das übergreifende Arbeiten Tradition und wird in Varianten integriert. Schon im ersten Jahr arbeiten die Studenten unabhängig vom visierten Studienabschlusses in Produkt- oder Modedesign in einer großen gemeinsamen Klasse. In dieser Phase können sie sich orientieren, ausprobieren und gegebenenfalls neu ausrichten. Daneben wird auch mal die professionelle Praxis eingeladen, die nicht zwingend aus dem direkten Produktdesign-Umfeld kommen muss. Im Hof des Hauses gibt es seit einigen Jahren das Projekt Hofgrün, das in Kooperation mit Landschaftsarchitekten des Büros HochC stattfindet. In Kartons und Kisten werden jede Saison Nutzpflanzen gesät. Essbares, aber auch andere grüne Ressourcen, die später eine zentrale Rolle in Projekten spielen. So lernen etwa die Modestudenten aus Indigo und Kamille Farbstoffe direkt aus der Natur zu gewinnen.

Stadt, Land, Wirtschaft

Urban Gardening ist aber nur eines der Themen, die direkt aus dem Alltag des Ballungsraumes in die Schule importiert werden. Ein weiteres Beispiel für den Dialog zwischen Stadt und Studenten ist das 2007 von Axel Kufus initiierte Projekt Design Reaktor. 52 kleine und mittelständische Unternehmen, vom Lampenschirm-Hersteller über eine Käserei bis zu einer Kofferfabrik, stellten sich damals den Studenten als Kompetenzpartner bereit. In Workshops entstanden durch Verknüpfen der Gewerke in einem experimentellen Entwurfsprozess unzählige Ideen, 57 Produkte und sechs Patente. Was andere als Unordnung im eigenen Haus verstehen, ist die kreative Schatzkammer der Universität der Künste. Als gestaltende Institution und künstlerische Ausbildungsstätte ist sie heute ein zentrales Element der Berliner Kreativwirtschaft; ein Kescher für Signale und Impulse, aus denen ohne fachliches Korsett ein unmittelbares Echo kreiert wird.

Llotllov
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Unikatmöbel, Kunstobjekt, Serienprodukt – für das Berliner Studio und Label llotllov verlaufen zwischen diesen Bereichen keine Grenzen. Geführt wird das Designbüro von Ania Bauer, die an der UdK studiert hat und Jacob Brinck, einem Absolventen der Potsdamer FH. Kennengelernt haben sie sich der Legende nach in einem Taxi, heute führen sie das Studio llotllov Artworkshop in Neukölln und den Concept Store Baerck in Berlin Mitte. In ihren Entwürfen treffen skandinavische Reduktion, solide Extravaganz und kreativer Forschergeist aufeinander. Zum Portfolio gehört beispielsweise ein Baumwoll-Zaumzeug, mit dem sich alte Spiegel minimalistisch montieren lassen, ein Gummihalter für blanke Birnen, gigantische Blumenampeln oder bestrickte Leuchten. Das aktuelle Projekt Osis ist ein Ausflug ins Chemielabor, wenn Bauer und Brinck osmotische Effekte auf Holz anwenden. Dazu streuen sie auf die noch nasse Lasur Salz, die dann die Pigmente zieht. Es entstehen faszinierende und immer wieder individuelle Muster die als Plattenware angeboten oder zu den Möbeln der zugehörigen Osis-Kollektion verarbeitet werden.

http://www.llotllov.de/

Osko Deichmann
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Die gemeinsame Studiogeschichte von Blasius Osko und Oliver Deichmann begann mit einem mechanischen Sushi-Roller, den sie als Studenten in der Werkstatt der UdK aus einfachen Brettern zusammenschraubten. Aus dem als Geburtstagsgeschenk geplanten Entwurf wurde ein Serienprodukt und aus Osko und Deichmann 2005 das gleichnamige Studio. Seither entwerfen sie Möbel mit gekonnten Überraschungsmomenten, indem sie Gewohnheiten neu denken. Ihren Bistro Table versahen sie mit horizontal platzierten Rollfüßen, die dann rotieren, wenn der Tisch gekippt wird. Stehsitz Dress lässt sich stufenlos in der Höhe verstellen und verbirgt seine Mechanik unter einem dehnbaren Textilstrumpf. Und wäre jeder Knick im Stahlrohrgestell eines Stuhls eigentlich ein Defekt, machen Osko+Deichmann ihn in ihrer Serie Straw zur ästhetischen und funktionalen Qualität. „Eine 45-Grad-Faltung sorgt für einen stabilen Winkel, indem das Rohr nur in die Richtung schwach wird, in die es sich nicht mehr bewegen kann.“ erklärt Blasius Osko. Die kreative Innovation mit Heureka-Moment ist zur DNA des Studios geworden. “Wir mögen keine Objekte, über die man nicht reden kann.“
http://www.oskodeichmann.com/

Philipp Weber
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Was die Arbeiten von Philipp Weber auszeichnet, ist ihr besonderer Fokus. Denn auch wenn am Ende ein Produkt steht, ist Weber eigentlich Gestalter des Prozesses und poetischer Interventionen. Vor einigen Jahren begegnete er dem belgischen Glasbläser Christophe Genard und war fasziniert von der Choreographie, aber auch von der Präzision mit der der Handwerker seine Flöte bediente. 2000 Jahre wurde das anderthalb Meter lange Instrument aus Metall nur minimal verändert, dann entwarf Weber eine neue Version. Sein Modell hat drei Luftausgänge, die sich über Tasten ansteuern lassen. Im Glaskörper entsteht nicht nur eine Luftblase, sondern drei – und die Verformung des Glases kann durch Tasten manipuliert werden. Jetzt hat Weber die erste mit dem neuen Werkzeug gefertigte Serie vorgestellt. Die Hohlräume der vasenähnlichen Objekte von On Colours werden eingefärbt und sorgen für faszinierende Überlagerungen und Lichtbrechungen. Nebenbei widmet Weber sich einem neuen Material. Ein Besuch der ehemaligen Zeche, in der sein Urgroßvater Kumpel war, brachte ihn auf die Idee. „Bisher hat sich noch nie jemand an der Formgebung des Materials Kohle versucht.“ erklärt er zu dem Projekt From Below, für das er seine eigene Miniatur-Kokerei baute. Die ersten darin gebrannten Objekte sind geometrische Objekte mit tiefschwarzen Oberflächen, die Zwischenstand eines Prozesses sind, dessen Ausgang Phillip Weber noch nicht kennt: „Ich habe über die handwerkliche und ästhetische Auseinandersetzung vor allem die intellektuelle Konfrontation gesucht und ein Stück Erdgeschichte mit dem menschlichen Fortschritt in Verhältnis gesetzt.“
http://www.philippweber.org

Studio Berg
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Um das gazellenbeinige Schränkchen wickeln sich Gemälde, aus dem quadratischen Geschirr lässt sich ein Schloss bauen und der Kleiderständer verwandelt sich in eine Wandskulptur. Die Arbeiten von Friederike Delius sind weit entfernt von konventionellem Industriedesign. Ein Blick auf die Vita klärt, woher ihr ausgefallener Blick auf die Dingwelt kommt. Vor ihrem Designstudium an der UdK Berlin besuchte Delius die Düsseldorfer Kunstakademie – und bringt jetzt die Einflüsse aus der Freien Kunst in ihre Objektgestaltung ein. Ihr origineller Ansatz macht sich besonders gut bei Produkten, die aufgrund ihrer formalen Nüchternheit sonst in den Abstellkammern des Haushalts vor Besuchern versteckt werden. Der Foldwork Wäscheständer lässt außerhalb seiner Verwendung keinerlei Rückschlüsse auf seine Funktion zu, weil er diese hinter seiner skulpturalen Qualität verbirgt. Ausgeklappt können in das von Fachwerk inspirierte Gitter Textilien eingehängt werden, die kleinere Garderoben-Variante Valet bietet außerdem eine zusätzliche Ablage für Accessoires. Auch ihre Kabinettschränke räumen mit klassischen Gebräuchen auf. Wenn andere ihre Schränke im Innern mit Papier auslegen, bezieht Delius den Korpus mit alten Gemälden und installiert die Hochglanz-Flächen aus Messing im Innern.
http://studioberg.de/

Ein Text für das Goethe Institut, erschienen auf www.goethe.de

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