Berliner Schule, Part 2: weissensee


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An der Weissensee Kunsthochschule lernen die Studenten die Bandbreite ihrer Profession kennen und können sich dann auf ein selbst festgestecktes Gebiet spezialisieren. Mit Mut zum Experiment, Prozessgestaltung und einen Fokus auf zukunftsträchtige Entwicklungen ist Weissensee vor allem eine Schule in gestalterischer Kompetenz.

In welcher Tradition die „weissensee kunsthochschule“ steht, zeigt schon die konsequente Kleinschreibung. Es war keine geringere Akademie als das Bauhaus, das einst festlegte „wir schreiben alles klein, denn wir sparen damit zeit“, oder auch provozierte: „warum großschreiben, wenn man nicht groß sprechen kann?“ 1964 wurde Weissensee als Hochschule des Nordens von dem Bauhaus nahestehenden Künstlern gegründet, 1950 Mart Stam zum Direktor berufen. Er war es auch, der das interdisziplinär ausgerichtete Studium begründete. Diese offene Ausrichtung ist an der KHB bis heute in Stein gemeißelt: Links und rechts des Eingangsbereiches sind situative Reliefs in den Backstein eingelassen, auf denen nebeneinander modelliert und genäht, gezeichnet und referiert wird.

Ausweitung der Professionszone

Aus der Verortung im Norden wurde später vielmehr die Zuordnung zum Osten. Der Bau der Mauer machte Weissensee zu Ausbildungsstätte der DDR, während die Universität der Künste prominent und zentral im Westen lag. Die Konkurrenzsituation bewirkte den beharrlichen Vergleich, bei dem Weissensee als die Kleinere abschnitt, die noch dazu stadtfern liegt. Doch gerade ihre übersichtliche Dimensionierung ist im Zusammenspiel mit dem interdisziplinären Konzept ein Gewinn für die Studenten, die durch die kleinen Klassengrößen die Möglichkeit haben sehr eng mit ihren Professoren zusammen zu arbeiten. Dazu gehört auch ein erstes gemeinsames Jahr aller Studenten, die sich so in den Fachrichtungen und ihren Schwerpunkten ausprobieren können. „Das Grundlagenjahr führt dazu, dass angehende Produkt-Designer engen Kontakt zu den anderen Designdisziplinen aufbauen, aber eben auch zu Bildhauern, Malern und Bühnenbildnern“, erläutert die Professorin Carola Zwick den Ansatz. „Das erweitert das Blickfeld, führt aber gleichzeitig zu einer Klärung der eigenen Disziplin.“ Neben Projekten, in denen zum Beispiel räumlich experimentiert wird, macht der Bau interaktiver Prototypen Informationen als gestaltbare Materie begreifbar.

Vom Generalisten zum Spezialisten
In ihrer Zeit an der Kunsthochschule Weissensee werden die Studenten nicht auf eine Spezialisierung reduziert, sondern als herangehende Entwerfer-Persönlichkeiten begriffen. Später finden sie nicht nur im Produktdesign, sondern in vielen Bereichen der Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft Arbeitsfelder. Die Ausbildung emanzipiert die Studenten, sie lernen die richtigen Fragen zu stellen, die passenden Lösungen zu finden – und sich selbst als Gestalter zu finden. Schwerpunkte wie Mobilität, Interaktion und Experiment öffnen das Feld weit genug für die individuelle Nische. Das führt dazu, dass die Absolventen sich der Schule und auch ihrem Standort Berlin nachhaltig verbunden fühlen. Jochen Maria Weber, der hier sein Masterstudium absolviert hat und heute für Firmen im Silicon Valley arbeitet beschreibt die Zeit in Weissensee als die prägendste Zeit seiner Designlaufbahn. „Die Weissensee Kunsthochschule und die Stadt Berlin bieten eine einzigartige Grundlage für kritisches Design.“
http://www.kh-berlin.de/

Julian Berg
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Julian Bergs Arbeit bewegt sich zwischen Transportation Design, Möbelgestaltung für Kunden wie Bolia und strategischen Untersuchungen. Auch sein aktuelles Projekt Stadtküche geht über die reine Objektgestaltung hinaus und widmet sich Prozessen im Kontext des urbanen Zeitgeistes. Das eigentliche Produkt ist ein Grill, der aber nicht gekauft, sondern geliehen wird. Mit ihm wählt sich der Kunde ein Essenspaket aus, bekommt Besteck und Werkzeug und bringt den Grill nach dem Picknick zurück. So soll vor allem das Müllaufkommen in öffentlichen Parkanlagen reduziert werden. 2016 wurde Julian Bergs Stadtküche für den Ecodesign Award nominiert und mit dem iF Student Design Award ausgezeichnet. Eine Begründung war die potentielle Wiederbelebung städtischer Grünflächen – in Berlin böten sich da etwa die 450 Fußballplätze des Tempelhofer Feldes an.
http://www.julian-berg.com/

Johannes Lohbihler
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Manche bauen sich ihr eigenes Musikinstrument, bei Johannes Lohbihler ist es ein ganzes Orchester. In seiner Masterarbeit an der Weissensee Kunsthochschule beschäftigte der gelernte Schreiner sich mit dem Thema Musikmaschinen. Das Resultat war Dadamachines, ein Bausatz für die eigene Roboterband. Das Set besteht aus einer Steuereinheit und zwölf Motoren, die mit dem Laptop bedient und Lego kombiniert werden. Die kleinen Maschinen bedienen über angeschraubtes Werkzeug wie Schlägel Trommeln, Xylophone oder was sich eben aus dem Haushaltsbestand zum Krachmachen eignet. „Bisher gab es für die breite Masse keinen Zugang zum Thema Musikmaschine. Und das obwohl früher jedes Stummfilmkino eine Musikmaschine hatte.“ Im März 2017 könnten die Dadamachines in Kinderzimmer und Musikstudios einziehen, dann startet Lohbihler eine Kampagne auf Kickstarter. Nebenbei gründet er mit zwei befreundeten Designern ein eigenes Studio, in das er seine Erfahrungen, aber auch die Infrastruktur aus der Arbeit an den Dadamachines einbringt:
„Das Projekt hat mir Gelegenheit gegeben, ein eigenes Hardware-Produkt bis zur Serienreife zu entwickeln.“
http://dadamachines.com/
http://solution.io/

Jochen Maria Weber
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Den ersten Teil seines Studiums absolvierte Jochen Maria Weber in Schwäbisch Gmünd – und gründete hier mit zwei Freunden das Studio Neue Werkstatt. Sie entwarfen formal zurückhaltende Objekte, die von mittelständischen Unternehmen vor Ort nachhaltig produziert werden konnten. Für sein Masterstudium wechselte er nach Berlin – und fand einen Ort, der zur Inspiration seiner weiteren Arbeit wurde. „Die politische Relevanz, die extreme Vielfalt an Kulturen und die Kunstszene bieten eine gute Grundlage für digitales Design.“ Seine Projekte verschoben sich ins Digitale, seine kritische Haltung nahm er mit um Probleme rund um Big Data zu adressieren. Sein Projekt Foxes Like Beacons ist ein Gegenvorschlag zum von den USA kontrollierten GPS System und Project Cuckoo bietet er eine Kommunikationsalternative zu überwachten und gesteuerten sozialen Netzwerken. Dabei arbeitet er mit Augenzwinkern, denn die Daten werden ausgerechnet über Plattformen wie Facebook, oder Twitter verschlüsselt gesendet. Mittlerweile arbeitet Jochen Maria Weber im Epizentrum des Human Centred Design in Silicon Valley – dass die Hauptstadt ihn wiedersieht schließt er aber nicht aus. „Meiner Meinung nach ist Berlin die einzige Stadt, die einem die Freiheit bietet sich uneingeschränkt großen Problemen zu widmen.“
http://www.jochenmariaweber.de/

Ein Text für das Goethe Institut, erschienen auf www.goethe.de

 

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