In der osteuropäischen Designkultur treffen sich eine reiche Tradition und internationale Einflüsse. Es hat sich eine mutige, reaktive und ausdrucksstarke Szene entwickelt, die weder satt noch gelangweilt ist, im Westen jedoch weitgehend unterm Radar bleibt.

Auf der Karte europäischer Designnationen ist der Osten aus zentraleuropäischer Perspektive Terra incognita. Wir kennen das klare skandinavische Design, wissen, dass die Italiener auf ausdrucksstarke Silhouetten setzen, sind mit dem oft traditionellen und manchmal exzentrischen Ansatz Großbritanniens vertraut und charakterisieren die deutsche Designsprache als präzise und rational. Designgeschichte, Protagonisten, Galerien, Museen und Ausbildungsstätten? Alles im Blick. Was die Gestaltenden bei den unmittelbaren Nachbarn Polen und Tschechien bewegt? Da wird es dünn. Und von der Szene in Ungarn, Rumänien, der Slowakei oder Albanien hören wir so gut wie nichts. Der Osten wird geflissentlich übersehen, streng genommen ignoriert. Wer aber einen Blick hinter Oder, Neiße und Erzgebirge riskiert, findet durchaus blühende Designlandschaften.
Das seit 1999 jährlich stattfindende Festival Designblok Prag ist ein temporäres Epizentrum für das Designschaffen in Osteuropa und ein guter Ort, um sich einen Überblick über den Status quo zu verschaffen. Ein Großteil der über 180 Ausstellenden kommt aus dem Gastgeberland Tschechien, daneben präsentieren viele slowakische, ungarische und polnische Gestalter*innen ihre Arbeiten. In der Summe lässt sich vor allem eines erkennen: eine kollektive Identität. Osteuropäische Designkultur baut auf einer sozialistisch geprägten Vergangenheit auf und ist Teil der gesellschaftlichen Transformationsprozesse seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Man ist im Kapitalismus angekommen, erinnert sich aber durchaus an Zeiten, in denen nur ein überschaubares Repertoire an Dingen zur Verfügung stand und Produkte reparierbar sein mussten. Aus der Vergangenheit wurde ein improvisatorischer Zugang zur Objektkultur mitgenommen und die Erfahrung, dass sich Werte aus vermeintlich Nutzlosem schaffen lassen. Dabei bieten sich Möglichkeitsräume, die in anderen Ländern – wie Deutschland – weitaus schwerer zugänglich sind. Es gibt viele mittelständische Unternehmen, die mit jungen Gestalter*innen kooperieren, lebendige Handwerkstraditionen und offene Gestaltungsräume.
Das Handwerk und wie es von Generation zu Generation weitergegeben wird: Das ist bis heute ein relevanter Teil der Identität im ländlichen Osteuropa, während bei uns diese Traditionen kaum noch gepflegt werden. Vieles ist von der Heckwelle der Industrialisierung weggespült worden, als sich das Handwerk in Kunsthandwerk und Industriedesign aufspaltete. Gestalter*innen entwarfen hierzulande lange vorwiegend für Maschinen und Massenproduktion, für Spritzgussformen, Metallpressen und Tiefziehverfahren. Auf der 2024 erstmals veröffentlichten Roten Liste gefährdeter Handwerke in Deutschland finden sich Professionen, wie Blaudruck, Seilerei, Glasmalerei, Drahtziehen und die Spiegelherstellung. Anders als die Designer*innen im Osten haben wir auf diese Techniken keinen Zugriff mehr.
Manche dieser Ressourcen sind einzigartig. Im frühen 18. Jahrhundert entwickelte sich in der Nordslowakei das Handwerk der Drahtbinderei, Drotárstvo. Die Gegend ist bergig, die Böden arm und die landwirtschaftlichen Erträge reichten kaum zum Überleben. Als in Oberschlesien zu jener Zeit Eisenhütten eröffneten, begann eine kreative Auseinandersetzung mit Metalldraht. Er wurde erst zum Stärken und Flicken von Tonkesseln genutzt, dann wurden kleine Haushaltsgegenstände hergestellt. Da zur Ausübung des neuen Berufes nur eine Rolle Draht und Biegewerkzeuge benötigt wurden, entwickelte sich Drotárstvo zu einem nomadischen Handwerk. Über slowakische Wanderarbeiter gelangte es bis nach Russland, Polen, Ungarn und den Balkan. Dabei ging auch der initiale Ansatz des Reparierens langsam verloren. Die Handwerker produzierten kunstvolle Topfuntersetzer, dekorative Schalen und veredelten Porzellanteller mit an Spitze erinnernden Metallrändern.
Viele slowakische Gestalter*innen sind mit Drotárstvo-Produkten aufgewachsen und mit ihrer besonderen Ästhetik vertraut. Das Handwerk gehört zum nationalen Vokabular und taucht als Zitat oder Hommage bei aktuellen Entwürfen wieder auf. Emil Taschka, ein Designer aus Bratislava, produziert Leuchten, bei denen Glas direkt in eine Drahtkonstruktion geblasen wird. Der Hohlkörper im dekorativen Exoskelett – das erinnert an die historischen, kunstvoll in Form gehaltenen Töpferwaren der Vergangenheit. Drotárstvo ist ein Beispiel für das breite Spektrum an lebendigem Kunsthandwerk mit regionalen Prägungen. Die Glasherstellung etwa hat in Tschechien eine bemerkenswerte Geschichte (und wurde von Taschka mit Drotárstvo kombiniert), aus den Karpaten kommen handgewebte und aufwendig bestickte Textilien und geradezu flächendeckend wird immer noch geschnitzt, gewebt, getöpfert und geschmiedet.
Gestalter*innen aus dem Osten Europas schöpfen aus zwei Welten. Sie haben Wurzeln in Mangelgesellschaften, leben in einer vernetzten Gegenwart und wissen alles über globale Designtendenzen. Unter anderem auch, wo es sich gut studieren lässt. In vielen Ländern Osteuropas gibt es eine überschaubare Zahl an Designhochschulen, die wenigsten haben internationales Renommee. Viele Designer gehen zum Studieren ins Ausland, an die Design Academy Eindhoven, ans Central Saint Martins in London oder die ECAL in Lausanne. Aus der Distanz werden ihnen oft die Chancen, Potenziale und Spielräume ihrer Heimatländer deutlich – und einige kehren zurück, um mehr zu sein als ein Botschafter. Sie wollen die Zukunft mitgestalten und leisten ihren Beitrag auf dem Weg zu einer neuen nationalen Identität. Dabei tun sie auch der hiesigen Produktlandschaft einen Gefallen, weil sie uns die Möglichkeit geben, unsere Verluste zu reimportieren und gemeinsam unser europäisches Erbe zu bewahren.
erschienen bei Magazin: Katalog#5

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