TANJA PABELICK

Texte zu Reise, Architektur, Design und Kunst.

Nova Gorica – zwischen Utopie, Casinohölle und Kulturdestination

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Das slowenische Nova Gorica teilt sich mit dem italienischen Gorizia den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 (und diese beiden wiederum mit Chemnitz). Als sozialistisches Stadtplanungsexperiment aus der Feder Edvard Ravnikars ist die Stadt kaum ein Dreivierteljahrhundert alt und blickt bereits auf eine bewegte Geschichte zurück, die mit idealistischen Ambitionen begann. Später galt Nova Gorica als „Las Vegas des Ostens“. Ein Besuch in dieser ungewöhnlichen Grenzstadt, die sich kulturell neu positioniert.

Würde man die nationale Identität Sloweniens kurz und prägnant beschreiben wollen, könnte man sagen: Es ist die Schweiz ohne Franken, Österreich ohne Après-Ski und die kulinarische Schwester Südtirols. Mit der smaragdgrünen Farbe eines klaren Eisbonbons schlängelt sich die Soča durch die Täler der Julischen Alpen, während der bemerkenswert lange Höhenweg im Triglav-Nationalpark auf der Bucket List vieler Bergwanderer steht. Die charmante Hauptstadt Ljubljana hingegen ist urban gewordene Entschleunigung, geprägt von mehreren verzierten Brücken, einer üppig grünen Vegetation und der über der Altstadt thronenden Burg. Der bedeutendste Architekt Sloweniens, Jože Plečnik (1872–1957), hat das Erscheinungsbild der ganzen Stadt geprägt. Die Nationalbibliothek gilt als eines seiner wichtigsten Werke und ist ein Ort, an dem man des Öfteren ergriffen schweigende Architekt:innen antrifft. Das kleine Slowenien ist längst kein Geheimtipp mehr für Kultur- und Individualreisende. Spätestens seit der Ernennung Ljubljanas zur sogenannten Grünen Hauptstadt Europas im Jahr 2016 hat sich herumgesprochen, dass sich auf erstaunlich kompaktem Terrain und mit der Strategie einer nachhaltigen Tourismusplanung ein facettenreiches Reiseland befindet.


Ravnikars Modellstadt der jugoslawischen Moderne

Das kleine Nova Gorica hingegen hat von der Aufmerksamkeitsverschiebung der letzten Jahre nicht viel mitbekommen. Obwohl die Stadt mit ihren gut 13.000 Einwohner:innen direkt an der grenzüberschreitenden Autobahn nach Italien liegt, verschlägt es kaum Tourist:innen in ihr Zentrum. Hinter den letzten günstigen Tankstellen vor Italien und den Drive-in-Casinos blockieren die üblichen industriellen Infrastrukturen den freien Blick. Wer diese Straße passiert, hat längst die nächsten Destinationen wie Triest oder Venedig im Fokus. Auch klassische Sehenswürdigkeiten wie historische Bauwerke, bedeutende Kirchen oder kulturell herausragende Museen fehlen – und damit auch eine Erwähnung in gängigen Reiseführern. 2025 ist das jedoch anders. Gemeinsam mit der italienischen Nachbarstadt Gorizia und der ebenfalls ausgezeichneten Stadt Chemnitz ist Nova Gorica eine der beiden beziehungsweise drei Kulturhauptstädte Europas. Dies gibt der Stadt endlich die Gelegenheit, ihre kulturelle Vielfalt, ihre geschichtlichen Wendungen und ihre strukturellen Anpassungen über die Stadtgrenzen hinaus zu kommunizieren.
 Noch vor hundert Jahren gab es an der Stelle, an der heute weitläufige Wohnsiedlungen stehen und die blaue Glasfassade der Spielbank die modernistische Einkaufspassage reflektiert, nur ein paar einsame Bauernhäuser auf grünen Feldern. Das eigentliche Zentrum der Region lag ein paar hundert Meter weiter, hieß Görz und gehörte seit 1500 zu Österreich-Ungarn. Nach dem ersten Weltkrieg ging es an Itlaien, nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Grenzen neu gezogen wurden, beanspruchten sowohl Italien als auch Jugoslawien den Ort für sich. Für beide Länder hatte die Stadt in der ansonsten dünn besiedelten Region eine große politische, kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung. Vor allem der östlich des Stadtzentrums gelegene Bahnhof, der wichtige Ziele in den Julischen Alpen sowie Ljubljana erschloss, war für Jugoslawien von großer infrastruktureller Bedeutung. Letztlich gelang es dem jugoslawischen Staatschef Josip Broz Tito, Gleise, Bahnhof und die Hälfte des davorliegenden Transalpina Platzes auf seine Seite der Grenze zu bekommen, während Italien die eigentliche Stadt zugesprochen bekam. Görz wurde endgültig zum italienischen Gorizia – und Jugoslawien brauchte auf seiner Seite der Grenze einen neue Stadt.



Schaufenster gen Westen

Anstatt nun eines der nahe gelegenen Städtchen oder Dörfer auszubauen, entschied sich die Regierung für eine große Geste. Damit wollte sie diejenigen beeindrucken, die sich der historisch gewachsenen Stadt bemächtigt hatten. Hier sollte eine Modellstadt entstehen, ein neues Gorizia: Nova Gorizia. Es sollte die erste von Grund auf geplante Stadt in Jugoslawien sein und so monumental und funktional werden, dass sie als „sozialistisches Schaufenster für den Westen“ dienen könnte. Der slowenische Architekt Edvard Ravnikar, Schüler von Jože Plečnik und Le Corbusier, erhielt den Auftrag, eine Stadt für 10.000 Menschen zu entwerfen. „Wir wurden aufgefordert, etwas Großartiges, Schönes und Stolzes zu bauen, etwas, das über die Grenze hinweg strahlen würde. Moderne Stadtplanung wurde für uns somit zu einer Waffe im nationalen und politischen Kampf“, schrieb er 1984 im Rückblick. Nova Gorica sollte neben der historisch gewachsenen Stadt errichtet werden, allerdings mit einem Abstand von 500 Metern zur Grenze. 1947 stand Ravnikars Plan. Die Bauzeit der Stadt wurde auf fünf Jahre angesetzt. Ravnikar strebte eine rationale und moderne Stadtplanung „ohne leere Megalomanie gebauter Massen“ an, wie er später formulierte. Sein Entwurf war klar strukturiert, sah viele großzügige Grünräume vor, bot effiziente Wege und sollte erklärtermaßen auf die Bedürfnisse der Bewohnerinnen zugeschnitten sein.

Als Zentrum der Stadt war eine zwei Kilometer lange Magistrale vorgesehen, die gesäumt von Platanen, öffentlichen Gebäuden, einem Hotel und Geschäften wie ein urbanes Rückgrat funktionieren sollte. Ihr oberes Ende mündete in ein Areal, das Erholung und Freizeit gewidmet war, während die Promenade in der restlichen Stadt als Schneise zwischen Industriezonen und Wohngebieten verlaufen sollte. Ravnikar legte dabei Wert auf eine Planung, die sich an historischen und regionalen Referenzen orientiert. Außerdem sollte sich die Stadt durch die Pflanzung mit lokaltypischer Vegetation harmonisch in die sanften Hügel der Umgebung einfügen. Als Wohnraum für die Bürger:innen plante Ravnikar mehrgeschossige Apartmentblocks mit viel dazwischenliegendem Raum, der mit seinem parkähnlichen Grün als Begegnungsfläche genutzt werden sollte. 1948 begann man mit dem Bau der Blocks, zwei Jahres später zogen die ersten Bewohner:innen ein. Die Infrastruktur ließ teilweise auf sich warten und die Straßen waren nicht viel mehr als Feldwege. Die Flächen zwischen den Häusern wurden für alles Mögliche genutzt – nur nicht als kollektive und kommunikative Flächen.



Begegnungsräume für Nutztiere

Blaž Kosovel ist Kulturwissenschaftler, in einem der später errichteten Wohnblöcke aufgewachsen und ein leidenschaftlicher Botschafter seiner Heimatstadt. Zum Kulturhauptstadtjahr hat er ein Buch über die Stadtplanung und Geschichte der Stadt publiziert und das Projekt „Ab Initio – Urban Utopia” gestartet, ein digitales Archiv über das kulturelle Erbe der Stadt. Im Sommer soll sowohl die deutsche Fassung des Buches erscheinen als auch die Webseite online gehen. Kosovel wurde gut dreißig Jahre nach der Grundsteinlegung geboren, kennt aber die Erzählungen über die ersten Jahre Nova Goricas aus seiner Kindheit. „Für die meisten der neuen Bürger Nova Goricas war das urbane Leben neu. Sie zogen aus abgelegenen Dörfern in die Stadt und brachten nicht nur einen ländlichen Lebensstil, sondern auch Schweine oder Kühe mit. Wenn diese zwischen den Blöcken grasten, war das geradezu artgerecht. Denn viele nahmen die Tiere sogar in ihre Wohnräume mit.“ Nova Gorica sollte als Musterbeispiel jugoslawischer Stadtplanung dienen und als Geste Richtung Westen belegen, dass die gerechten Ideen und modernen Ansätze den Bürger*innen im Sozialismus bessere Lebensbedingungen schaffen konnten. Doch in den ersten Jahren waren es jedoch vor allem Bauern, die hier lebten und mit den neuen Lebensbedingungen überfordert waren, während gleichzeitig alle anderen für eine Stadt wichtigen Professionen wie Lehrer, Ärzte oder Ingenieure fehlten.

Die Sache mit Nova Gorica wurde also schnell kompliziert. Nicht nur strukturell, sondern auch finanziell. Als den Verantwortlichen klar wurde, dass die Strahlkraft ausblieb und die Bauten Geld verschlangen und schließlich auch das eigene Interesse am Projekt verebbte, wurden Ravnikars Pläne ad acta gelegt. Die Zuständigkeit für das Projekt war keine Staatsangelegenheit mehr, sondern wurde an die regionale Verwaltung delegiert. Diese setzte immer neue Planer:innen ein, deren Entwürfe sich immer weiter von Ravnikars Plänen entfernten. Die bisher nach Ravnikars Entwürfen entstandenen Gebäude – die sogenannten Russischen Wohnblocks blieben seine einzigen Beiträge in der Stadt. „Der Bau von Nova Gorica ist wahrscheinlich das eindrücklichste Beispiel für das Schicksal der Stadtplanung in Slowenien nach der Befreiung – nur dass in diesem Fall der passendste Ausdruck ‚Tragödie‘ ist“, schrieb Ravnikar 35 Jahre später.



Megalomie im Zeichen des Jetons


Auch das, was folgte, ordnete er ein, ohne seinen Unmut darüber zu verbergen: „Mit zunehmendem Tempo wich der ursprüngliche Wunsch, etwas zu schaffen, das über die Grenze hinweg strahlen würde, einem Pragmatismus, der von Selbstüberschätzung und Ignoranz geprägt war und schließlich ganz von anarchischer Subjektivität überrollt wurde.“ Nachdem Nova Gorica lange weit hinter den Planungszielen zurückgeblieben war und das Stadtgebiet kaum mehr als einige kontextlose Blöcke im Brachland umfasste, gab es in den 1970er Jahren einen regelrechten Bauschub, der auch und vor allem mit der Grenzsituation zu tun hatte. Denn während Glücksspiel in Italien streng reguliert war, erlaubte Jugoslawien Casinos. Nova Gorica wurde schnell zu einer beliebten Anlaufstelle. Der damit verbundene Aufschwung motivierte die Stadt zu umfangreichen Investitionen in die Hotel- und Glücksspielentwicklung, die streng genommen nicht weit entfernt waren von der Megalomanie, die Ravnikar einst zwingend hatte vermeiden wollen. 

1976 wurde am nördlichen Ende der Stadt ein gewaltiger Freizeit- und Entertainment-Komplex eröffnet, der von der avantgardistischen Gruppe OHO in Zusammenarbeit mit Niko Lehmann entworfen wurde. Die Gestaltung basierte konzeptionell auf der griechischen Sage der Argonauten und interpretiert das Gebäude als „Zeitschiff“. Die zurückhaltende Fassade aus Sichtbeton wurde mit einem von Origami inspirierten Dach aus gelb-weißen Kunststoffmodulen kombiniert. Eine Sonnenuhr, die nie die richtige Zeit anzeigte, schmückte das Gebäude. Im Inneren warteten eine 50 Meter lange Bar, Bowlingbahnen, mehrere Restaurants und ein Nachtclub auf die Gäste – aber noch kein Casino. Erst als das brutalistisch-unkonventionelle Experiment „Argonavti“ abgerissen wurde, eröffnete 1993 das Hotel Perla als touristisches Großprojekt und eines der größten Casinos Europas.



Las Vegas des Balkans

„Viele Jahre lang war Nova Gorica vor allem vom Spielen geprägt“, erzählt Kosovel. „Was die Stadt in der Wahrnehmung der Besucherinnen ausmachte, war transitorisch und generisch. Im Innern der Casinos gibt es kein Tageslicht, keine Fenster, keine Uhr. Das Casino als Ort bleibt zu jeder Zeit gleich, und das 24/7.“ Für die Bürgerinnen der Stadt war der mittlerweile erspielte Status als „Las Vegas des Balkans“ aber eine wirtschaftliche Chance. „Viele gingen gar nicht mehr studieren. In einem Casino konnte man in der richtigen Position so viel verdienen wie ein Arzt“, so Kosovel. Der Status als eine der wichtigsten „Jeton-Metropolen“ verlor jedoch langsam an Bedeutung. Jugoslawien hatte sich 1991 aufgelöst, Italien lockerte in den späten 1990ern und 2000ern seine Glücksspielgesetze,2007 öffnete sich mit Schengen die Grenze zu ganz Europa und die Finanzkrise dämpfte die finanzielle Risikofreude. 

Vor dem Büro der Organisatoren des Kulturhauptstadtjahres und damit am Eingang zum Bevkov-Platz, einem zentralen Treffpunkt und Knotenpunkt, steht eine markante Betonskulptur. Wie drei schlanke Nadeln recken sich die über zehn Meter hohen Spitzen des „Ikarus“ in den Himmel. Die Skulptur wurde 1960 aufgestellt und von Bildhauer Janez Lenassi als Hommage an den jugoslawischen Luftfahrtpionier Edvard Rusjan entworfen. Eigentlich soll die Form der Skulptur an die Silhouette seines Doppeldecker-Flugzeugs erinnern. Im Spiegel der Stadtgeschichte, lassen sich durchaus noch andere Bedeutungsebenen für Ikarus finden: Ravnikar wollte Gigantisches bauen, mit seiner Architektur hoch fliegen. Doch die ambitionierten Pläne stürzten schnell ab. Nach zwei gescheiterten Karrieren – einer ersten als stadtplanerischer Leuchtturm gen Westen und der zweiten als Las Vegas des Ostens – bleibt die Frage, wie Nova Gorica seine Zukunft gestalten will. Die Ernennung zur Kulturhauptstadt könnte eine Gelegenheit sein, sie auch auf die touristische Agenda zu bekommen. Neben den aktuellen Kultur-, Tanz- und Musikveranstaltungen bewirbt das lokale Tourismusbüro vor allem das nahe gelegene Tal Vipava, die Kultur zwischen zwei Ländern, das wärmste Mikroklima innerhalb Sloweniens und die Kulinarik. Kosovel ist der Meinung, dass damit eine Chance vertan wird, der eigenen Identität ein scharfes Profil zu geben und die bewegte Geschichte mit ihren vielen Protagonist:innen als Argument zu nutzen. Viele andere slowenische Städte sind schön im Sinne touristischer Attraktivität, Nova Gorica hingegen hat eine einzigartige architektonische und stadtplanerische Historie. Die aber wurde außerhalb von Kosovels Forschung bisher kaum aufgearbeitet, geschweige denn kommuniziert. Während in der lokalen Buchhandlung gut zwanzig allgemeine Reiseführer ausliegen, die sich bemühen Sehenswertes für die breite Masse zusammenzutragen, gibt es für die Enthusiasten modernistischer Planstädte kaum Informationen. „Genau das wäre doch auch Kulturtourismus“, sagt Kosovel – eine Geschichte des Scheiterns, aber eine, die zur Chance wird, wenn sie denn erzählt wird.

erschienen in der Baunetzwoche #673

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