Während auf der Bremer Überseeinsel Hopfen direkt im Biergarten wächst, lädt in Utrecht ein essbarer Stadtwald zur gemeinschaftlichen Ernte und botanischen Nachhilfestunde ein. Diese Projekte zeigen, dass unsere Städte neue Strategien für urbane Teilhabe, grüne Flächen und kollektive Verantwortung brauchen.
Am Anfang waren die Bienen. Als Hobbyimker*innen begannen, Bienenstöcke auf Hausdächern, Firmengeländen und in Gemeinschaftsgärten aufzustellen, tauchte eine für alle sichtbare landwirtschaftliche Praxis im urbanen Kontext auf. Dabei stand weniger die Honigernte im Vordergrund als die soziopolitische Geste: Der aufgestellte Bienenstock wirkte wie eine Anspruchsflagge. Er markierte das öffentliche Gefüge als potenziellen Gemeinschaftsraum und signalisierte, dass die Stadt nicht ausschließlich privater oder kommerzieller Besitz ist. Gleichzeitig nutzen die Bienen die stillen Ressourcen der bebauten Umgebung und bedienen sich unkontrolliert am Straßengrün sowie im privaten Vorgarten. Dadurch entsteht eine Art ungeplantes „Commoning“. Die Bienen verwerten Flächen, ohne auf Besitzverhältnisse Rücksicht zu nehmen, und die Imker*innen setzen ein Zeichen für gemeinschaftliches Handeln. Denn wem gehört die städtische Natur – den Menschen, den Tieren, den Metropolen oder der Wirtschaft?
Mehr als nur Zucchini
Seit der Jahrtausendwende boomen auch die kollektiven Stadtgärten. Sie verwandeln ungenutzte Brachen, vernachlässigte Grünanlagen oder Konversionsflächen des Strukturwandels in Gärten für engagierte Hobbyfarmer*innen. Ob der Prinzessinnengarten am Berliner Moritzplatz, der inzwischen geschlossene Skip Garden am Londoner King’s Cross oder La Finca Del Sur in der New Yorker Bronx – initiiert wurden die Projekte von Nachbar*innen, Umweltaktivist*innen oder Künstler*innen, die den Mehrwert nicht in Basilikum, Tomaten und Zucchini aufrechnen, sondern den Garten auch als Werkzeug der Stadtverhandlung in die Waagschale werfen. Denn die Stadt wird immer enger und zunehmend privatisiert. Wer Raum besitzt, bebaut ihn oder stellt ihn hinter Zäune. Formelle Mitbestimmung ist zwar theoretisch möglich, in der Praxis jedoch stark reguliert, bürokratisch eingeschränkt und selten effektiv. Kollektive Gärten werden somit zu Demonstrationen für den Wunsch nach mehr Teilhabe.
Mit der App in den Wald
Ein besonders anschauliches Beispiel für die Umsetzung dieses Prinzips im großen Maßstab ist das Rijnvliet-Projekt in Utrecht. Anders als beim informellen Guerilla Gardening oder bei spontanen Gemeinschaftsgärten ist Teilhabe dort die Grundlage des Planungsprozesses. Dieser interveniert bewusst in ein bestehendes Projekt. Auf 150.000 Quadratmetern ist zwischen den Mehrfamilienhäusern eines Neubaugebiets ein essbarer Waldgarten mit tausend Bäumen und zweihundert Pflanzenarten entstanden. Auf Initiative der Bewohner*innen und in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung wurde nach einem einzigartigen Partizipationsprozess ein Entwurf für die nutzbaren Erholungsflächen erstellt, den drei Studios gemeinsam erarbeiteten. Das Team setzte sich aus den Landschaftsarchitekt*innen von Felixx Landscape Architects & Planners, den Architekt*innen und urbanen Strateg*innen von De Zwarte Hond sowie den Waldplaner*innen von Æ Food Forestry Development zusammen. Zum Park gehören auch Spielplätze, ein Fußballfeld und ein Klassenraum unter freiem Himmel. Daneben erläutern Schilder und eine App die Pflanzen mit Bezeichnung und kulinarischem Einsatzspektrum.
Grüne Oasen statt Hitzeinseln
Das Konzept der essbaren Stadt gewinnt in europäischen Großstädten zunehmend an Bedeutung, da es auf die ökologischen, sozialen und ökonomischen Herausforderungen des urbanen Raums reagiert. Asphalt und Beton verwandeln viele Viertel in Hitzeinseln, globale Lieferketten erweisen sich als fragil und Lebensräume für Insekten sind knapp. Genau hier setzen Gemeinschaftsgärten, öffentlich zugängliche Beete und Obstflächen an: Sie schaffen Treffpunkte mitten in der Stadt. Sie bringen Menschen zusammen, die sich im Alltag sonst vielleicht nicht begegnen würden, und fördern so den sozialen Austausch in den Nachbarschaften. Die Bremer Überseeinsel, ein ehemaliges Industrie- und Hafengelände, auf dem sich einst die deutsche Kellogg-Niederlassung befand, ist heute Teil eines der größten städtebaulichen Transformationsprojekte Europas. Direkt am Ufer der Weser liegt neben Biergärten und Restaurants die Gemüsewerft. In ihrem Hopfengarten rankt der Hopfen an filigranen Spalieren mehrere Meter gen Himmel, während die Palettenhochbeete des Gemeinschaftsprojekts aus den zuvor grauen Lkw-Parkflächen eine Mischung aus Werkstatt und urbaner Oase gemacht haben.
Farm to Glass
Nach der Ernte gelangt der Hopfen direkt in die angeschlossene Bremer Braumanufaktur. Im Sommer sitzen die Gäste des Biergartens quasi unter den Ressourcen für das Bier der nächsten Saison. Der Garten ist jedoch mehr als nur ein Beispiel für urbane Landwirtschaft: Er ist auch Veranstaltungsort und Bildungsstätte – und ein nachhaltiger Hebel, um das Viertel zu beleben. Die Gemüsewerft geht somit weit über das Konzept klassischer Gemeinschaftsgärten hinaus. Sie wird von der Gesellschaft für integrative Beschäftigung (G.i.B.) betrieben und fördert die soziale Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen. Diese erhalten dort Beschäftigungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten, indem sie gemeinsam Gemüse, Obst und Kräuter anbauen, pflegen und ernten. Anders als bei vielen Zwischennutzungsprojekten muss in diesem Fall niemand eine Verdrängung befürchten. Die Gemüsewerft war von Anfang an Teil des städtebaulichen Konzepts und belebt die Außenräume des Viertels dauerhaft. Was bescheiden mit Bienenstöcken auf Dächern und Kräuterbeeten auf Industriebrachen begann, ist mittlerweile ein praxisorientiertes Instrument der Stadtgestaltung geworden. Projekte wie Rijnvliet in Utrecht oder die Gemüsewerft auf der Bremer Überseeinsel zeigen, dass urbane Teilhabe nicht mehr nur improvisiert, sondern auch strukturell verankert werden kann.
erschienen bei Baunetz

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