TANJA PABELICK

Texte zu Reise, Architektur, Design und Kunst.

Nachts im Silo – Ortsbesuch im Bremer Hotel von Delugan Meissl

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Die Transformation des Kellogg-Silos auf der Bremer Überseeinsel durch Delugan Meissl zeigt, wie Industriearchitektur sinnvoll, nachhaltig und mit Respekt vor der Geschichte weitergenutzt werden kann. In den Betonröhren, einst Lager für Mais, befindet sich heute ein Hotel.

Am Fuße des alten Getreidesilos der Bremer Kellogg-Niederlassung meint man noch immer, den Mais durch die Betonröhren rauschen zu hören, und ahnt eine Spur von Cerealienstaub in der Luft. Ikonisch thront der verwitterte rote Schriftzug „Kellogg’s“ auf dem historischen Funktionsgebäude. Seit 2017 liegt das einzige deutsche Produktionswerks des Frühstücksflocken-Unternehmens still. Für Bremen und die Bremer*innen erfüllt vor allem das Silo aber weiterhin eine wichtige Aufgabe: Es ist Landmarke und Architekturzeichen, Identifikationsbau und Teil der lokalen Geschichte.

Heute gehört das ehemalige Kellogg-Areal zum Stadtentwicklungsgebiet „Überseeinsel“, das rund drei Kilometer westlich und weserabwärts von der Innenstadt liegt. Am markantesten ragt das in den Siebzigerjahren erbaute Silo am Ufer in die Höhe, in das 2024 das John & Will-Hotel der Kette Guldsmeden eingezogen ist. An seiner Silhouette hat sich bei der Transformation wenig verändert. Die Siloröhren allerdings sind nun durch schmale Fensterbänder klar gerastert und wirken wie silbrig glänzende Sehschlitze einer Burganlage.

Respektvolle Umnutzung
Der Hotelname steht in vergleichsweise kleiner Schrift über dem Eingang, während das gigantische Kellogg’s-Schild noch immer als Blickfang auf dem Dach dient. „Die Bremer hätten uns die Demontage wohl kaum durchgehen lassen“, sagt Babette Kierchhoff, die Geschäftsführerin des Hotels, und lacht. Es war aber auch der Respekt vor der Geschichte und dem Bestand, der die Projektbeteiligten im Sinne des Silos hat entscheiden lassen. „Das Gebäude ist emblematisch für Bremen. Generationen von Bremerinnen und Bremern sind hier zur Arbeit gegangen. Deshalb war für alle klar: Es muss stehen bleiben – und mit seiner Architektur bestehen“, erinnert sich Kierchhoff.

Anfangs war die Art der künftigen Nutzung noch offen. Die Siloröhren messen 40 Meter Höhe, ihre Betonwände haben eine Stärke von 16 Metern. Die Trichteröffnungen, unter denen früher Lkws beladen wurden, lagen in einem offenen Sockelgeschoss. „Zunächst war ein Kletterpark im Gespräch, später auch ein Tauchbecken“, erzählt Kierchhoff. Auf der Suche nach einer passenden Lösung holte der Projektentwickler Klaus Meyer das Wiener Architekturbüro Delugan Meissl an Bord, mit dem er bereits mehrfach zusammengearbeitet hatte.

Beim Schlafen aus der Röhre gucken
„Elke Delugan-Meissl und Roman Delugan waren sofort begeistert von dem Projekt – und haben zuallererst die Statik dahingehend überprüft, ob sich Böden einziehen lassen. Als das als machbar belegt wurde, war auch klar, dass das Silo ein Hotel werden würde“, resümiert Kierchhoff. Der Weg vom Umschlagplatz für Cornflakes hin zur brutalistisch-stilvollen Designherberge brachte so einige Herausforderungen mit sich.

Die Struktur ließ kaum den Einsatz großer Arbeitsfahrzeuge oder schwerer Maschinen zu. Böden mussten bewehrt und zu Etagen gegossen, Fenster- und Türöffnungen in den Beton gefräst werden. Meter für Meter arbeiteten sich die Handwerker*innen durch den Zement, transportierten den Schutt nicht mit Bulldozern, sondern in Schubkarren ab. Das Aufmaß der Röhren zeigte zudem: Kein Zylinder glich dem anderen. Einige verjüngten sich nach oben um wenige Zentimeter, bei anderen wiesen die Oberflächen feine Unregelmäßigkeiten auf.

Möbel nach Maß
In den knapp vier Jahren der Umbauzeit sind 117 Hotelzimmer entstanden. Heute ziehen Gäste in die alten Lagerzylinder ein und begeben sich zwischen bewusst roh gelassenen Wänden auf die Spuren der industriellen Vergangenheit. Überall können sie bauliche Relikte aus der Speicher-Ära entdecken, wie die Stahlträger des Schilds im Eventraum unter dem Dach oder die Kornauslässe vor der Lobby.

Das Mobiliar der Zimmer wurde passend zum industriellen Ambiente unter Verwendung eines Systems aus Vierkantstahl und Holz entworfen und auf Maß geschreinert. „Alles ist individuell gefertigt worden, weil die Räume kreisförmig von Wänden eingefasst sind und ihre Grundrisse durch die unregelmäßigen Silozylinder um ein paar Zentimeter voneinander abweichen“, erklärt Kierchhoff. Während jeweils zwei Zimmer der Economy-Kategorie eine Röhre mittig teilen, erstreckt sich die Superior-Kategorie über die gesamte Kreisfläche einer Etage. Dort wurde das Bad zum Eingangsbereich hin platziert, sodass die Trennwand zum Rücken des Betts zeigt.

Betten mit Aussicht
Die Gäste wachen direkt vor den großen Fensterbändern und mit einem atemberaubenden Panorama vor Augen auf. Der schönste Ort im Zimmer ist allerdings die breite Sitzbank im Fensterrahmen, auf der mehrere Personen Platz finden. Gerade in den zur Weser ausgerichteten Zimmern der oberen Etagen reicht der Blick über den Fluss und die Überseestadt bis zum Bremer Zentrum. Von dort aus lassen sich stundenlang der gemächliche Verkehr auf der Wasserstraße, das feierabendliche Treiben in den Biergärten und Restaurants am Ufer sowie die schönsten Sonnenauf- und -untergänge beobachten. Die Architektur und Aussicht sind so spektakulär, dass sogar die Nachbar*innen zum Übernachten kommen. „Unter den ersten Gästen waren viele Bremer, die ‚ihr‘ Kellogg-Silo von innen sehen und ‚ihre‘ Stadt aus der Vogelperspektive erleben wollten“, so Kierchhoff. Ein Geheimtipp ist das Hotel übrigens auch an Silvester, denn von dort aus lässt sich das Feuerwerk der ganzen Region beobachten.

erschienen bei Baunetz

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