Zu Gast bei: Drache und Bär

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Eigentlich müsste man jedes Porträt des Berliner Studios Drache und Bär mit „Es war einmal…“ beginnen. Die Objekte ihrer Produktwelt wirken wie Momentaufnahmen aus einem Märchen – durch ihr Thema, die formale Umsetzung, aber vor allem durch ihre Inszenierung in Bildern und Geschichten. Das Erzählen liegen der Künstlerin Lena Hensel und dem Produktdesigner Grzegorz Cholewiak, die beide erst vor einem halben Jahr von Krakau in die deutsche Hauptstadt gezogen sind, sehr am Herzen. Zu dem verwunschenen Gefühl, das einem beim Betrachten ihrer Arbeiten zwischen Kunst, Grafik und Design befällt, passt dann auch ihre Ladenwohnung im Berliner Norden, wo beide uns unter einer fotografischen Ahnengalerie zum Tee empfangen.

Das nördliche Charlottenburg ist eine ziemlich ungewöhnliche Ortswahl für ein Designstudio.
Lena: Ja das hören wir öfter. Das war ein Zufall, aber auch ein Glücksfall. Vorher bewohnten diese Räume polnische Stipendiaten, unter anderem auch eine Freundin, die uns davon erzählte. Als die dann leer standen war für uns die Zeit gekommen. Diese Wohnung mit den Privaträumen hinten und der großen Ladenfläche vorn ist perfekt – wir brauchen viel Platz zum Arbeiten. Dass es auch ein Ladenlokal ist, ist natürlich schön, aber wir nutzen die Fläche weniger als Shop, sondern vielmehr als Ausstellungsfläche.

Warum seid ihr weg aus Krakau?
Lena: Ich bin Berlinerin, habe aber sieben Jahre in Krakau gelebt, dort Kunst studiert und Grzegorz kennengelernt. Wir haben unsere erste Zusammenarbeit, das Czarodziejskaprojekt gestartet. Aber Krakau ist eine sehr kleine Stadt. Berlin bietet da einfach mehr Möglichkeiten. Irgendwann wurde es Zeit sich weiterzuentwickeln.

Den Namen Eures Studio habt ihr dann auch geändert…
Lena: Behalten konnten wir ihn nicht – versuch mal das zu sagen: Czarodziejska. Auch die direkte Übersetzung würde nicht funktionieren. In Krakau war unser Studio in einer Art Ruine auf der Czarodziejska-Straße – dem Zauberweg. Dort hat es gepasst, weil die Straße auch nach ihrem Namen aussah, aber hier gibt es für den Zauberweg keinen Grund mehr.



Der neue Name hat aber auch durchaus märchenhafte Anleihen.
Lena: Der Bär steht für Berlin, und der Drache ist das zu Krakau gehörende Fabelwesen. Da kommen also Krakau und Berlin zusammen, aber auch das Reale mit dem Fantastischen. Das ist der Bereich, in dem sich unsere Arbeit trifft. Schau Dir unsere Entwürfe an: Die sind praktisch und funktional, aber es gibt auch immer eine Metaebene. Wir entwerfen nicht nur Produkte, sondern erschaffen darum eine Welt. Klassische Bedienungsanleitungen suchst Du bei uns vergebens, stattdessen gibt es zu jedem Produkt eine kleine Erzählung.

Fotografie, Kunst, Corporate Design, Produktgestaltung und Schreiben – ihr macht das alles.
Lena: Das hat sich über die Zeit unserer Zusammenarbeit entwickelt. Und wir haben während der letzten zwei Jahre gemerkt, wie wichtig uns dieser narrative Charakter ist. Wir sind zum Beispiel dazu übergegangen jedes Foto von unseren Produkten zu inszenieren. Und wir entwerfen eigentlich nichts mehr, ohne vorher eine Geschichte zu haben.

Ihr gestaltet mit Vorliebe für Kinder, habt eine Tochter. Hat das Eine mit dem Anderen zu tun?
Lena: Ja, das Laufrad zum Beispiel hat sich aus einem persönlichen Erlebnis ergeben. Unsere Tochter hat im Park immer Kinder mit großen Plastikfahrrädern beneidet. Sie selbst war aber noch viel zu klein dafür. Grzegorz ist daraufhin in die Werkstatt gegangen und hat ihr dieses Laufrad gebaut, das ihr absolutes Lieblingsding wurde – und plötzlich waren die anderen Kinder neidisch auf dieses archaische Spielzeug. Wir begannen uns also für das Thema zu interessieren: Spielzeuge, die dazu inspirieren, sie zu entdecken. Wir haben nichts erfunden, sondern uns volkstümliche Spielzeugklassiker näher angesehen und neu interpretiert. Auch weil wir etwas Gutes, Langlebiges entwickeln wollten.

Entstehen viele Eurer Produkte aus einem persönlichen Bedarf?
Grzegorz: Nicht immer, aber bei dem Regal Kvadrat war es ganz ähnlich. Ich wollte etwas, das ich in vielen Situationen immer wieder anders einsetzen kann. Ich habe mich am Stuhl orientiert ohne einen entwerfen zu wollen. Stühle werden ständig umgenutzt: als Ablage, um einen Beamer darauf zu installieren oder als Leiter. Kvadratt sollte etwas Multifunktionales und Modulares werden, ein Objekt, das erst durch den Gebrauch zur Funktion kommt.

Ein Universalbaustein für die Wohnung…
Grzegorz: Kvadratt lässt sich als Hocker, Tisch oder auch Klettertunnel im Kinderzimmer benutzen. Mit mehreren Modulen können Regale oder Pulte gebaut werden.

Ist Vielseitigkeit wichtig?
Lena: Wir wollen keine saisonalen, Trends unterworfenen Objekte. Wir wünschen uns, dass die Dinge mit den Menschen durchs Leben gehen und da müssen sie flexibel sein. Außerdem legen wir Wert auf die Qualität der Produktion, weil auch die dafür sorgt, dass Dinge im Haushalt überleben.

Und Simplizität?
Lena: Wir sind immer auf der Suche nach der Essenz des Einfachen – was nicht heißt, dass die Dinge sich ebenso einfach entwickeln lassen. Perfektion braucht Zeit. Wir wollen es simpel, aber eben perfekt simpel.

Erschienen auf Monoqi, www.monoqi.de
(alle Bilder: Tanja Pabelick)

 

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