Die Form des Klangs: Im Glockenladen

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Der Ort, an dem sich die meisten Glocken der Hauptstadt befinden, liegt mitten in Mitte. Einen Steinwurf von den Hackeschen Höfen entfernt, dort, wo sich mit der Sophienstraße einst Berlins handwerkliches Zentrum befand. Mit Wende und Sanierung schlossen die meisten der Korbflechter, Goldschmiede und Hutmacher – oder flüchteten vor den Mieten der Investoren in andere Stadtteile. Am Eingang der Straße prangt noch eine große Werbemalerei und kündigt „Handwerk und Tradition“ an. Der Pfeil weist die Straße entlang, aber die jugendstilhafte Typo blättert schon langsam von der Wand. So ganz gehört das Handgemachte aber noch nicht der Vergangenheit an. Im Hinterhof der Hausnummer 28 hat Michael Metzler, Perkussionist und Instrumentenliebhaber, seinen Glockenladen.

Michael Metzler hat seinen Laptop neben der Treppe vor dem Laden aufgebaut. Denn der liegt im halben Souterrain und versteckt sich dort unten wohl vor digitalen Signalen. Wie passend. Schnell zeigt er uns deshalb auf der Türschwelle noch ein Video im Internet. Das Direktorenhaus präsentierte zuletzt eine Installation mit seinen Glocken, an weißen Bändern vor weißer Wand konnten Besucher sie anschlagen, schlichte Grazien aus Bronze mit einem reinen Klang. Titel der Ausstellung: Handmade. Es ging um die wiedererstarkte Kooperation von Handwerk und Design und nicht zuletzt auch um die Schönheit, die Produkte nach einer Jahrhunderte dauernden Evolutionsgeschichte haben können. Michael Metzler erzählt lebendig und wirkt dabei trotzdem tiefenentspannt. Wir ertappen uns bei dem Gedanken, dass dieser Glockenmacher irgendwie nicht so recht dem Stereotyp vom verschrobenen Spezialisten für Satelliten-Handwerk entsprechen will. Oder zumindest besser zur Berliner Mitte als zu mittelalterlichen Glocken passt.

Eigentlich ist Michael Metzler Musiker, ein Schlagzeuger. Doch die Verbindung zur Gießerei liegt ihm im Blut. Er wurde in eine sächsischen Gießereifamilie geboren, ist die vierte oder fünfte Generation, ganz genau weiß er das auf Anhieb gar nicht mehr. Zuerst kam deshalb die Lehre in der Gießerei, dann ging er zum Musikstudium nach Leipzig. Erst Jahre später holte ihn die Familienvergangenheit ein. „Vor etwa fünfzehn Jahren war ich in der Situation, dass ich für ein Konzert ein Glockenspiel brauchte. Ich hatte einen Betrieb in London gefunden, der Glocken nach meinen Vorstellungen produzieren konnte. Und als der Kostenvoranschlag kam, dachte ich erst, die hätten sich um eine Kommastelle vertan.“ 20.000 D-Mark wollten sie damals für das ganze Set.

Michael Metzler rief deshalb Vater und Großvater zusammen und beriet, ob das Glockenspiel nicht in der eigenen Gießerei gefertigt werden könne. „Nur waren wir auf Stahlguss spezialisiert, und Glocken werden aus hochzinniger Bronze hergestellt“, erzählt Metzler. Beirren ließen sich die Metzlers davon nicht. Michael Metzler brachte sein musikalisches Wissen ein, der Rest war Trial and Error. „Das erste Glockenspiel haben wir beim Versuch, es zu stimmen auf der Drehbank quasi zerspant… Aber irgendwann war klar, wie es zu funktionieren hat – der dritte Versuch war schon so gut, dass wir dafür einen Käufer finden konnten.“

Die Glocken, die Michael Metzler produziert, stehen für die konsequente Form, die nur auf eines ausgerichtet ist – den einen richtigen Ton zu treffen. Umso überraschender ist die absolut reduzierte Ästhetik des Klangkörpers. „Die Glockenform wirkt sehr modern, aber diese sogenannte Bienenkorbglocke ist eigentlich ganz typisch für das Mittelalter. Auf historischen Abbildungen ist diese Glockenform recht häufig zu sehen“, erzählt Metzler. „Aber dann ging die Entwicklung bei den Großgeläuten im frühen Barock dahin, dass jede Glocke in sich einen komplizierten harmonischen Aufbau hat. Jede Glocke stellt quasi ein Instrument mit Grundton, mit einem Schlagton und einer Dur- oder Moll-Terz dar. Und diese Glocken sehen dann eben so aus, wie man sie heute von den Kirchtürmen kennt.“

Seine Glocken sind ein schlichtes geometrisches Objekt und produzieren einen einzigen reinen Ton. Dafür sind sie aber für ihre Größe recht tief, für die gleiche Tonlage müsste eine mehrtönige Glocke etwa viermal so groß sein. Als Metzler damals sein erstes Glockenspiel goss, ging er mit den mittelalterlichen Abbildungen der Bienenkorbglocken zu einem Schreiner, der ihm mit diesen Vorlagen erste Modelle baute. Bis heute werden sie im Familienbetrieb Metzler gegossen, der sich aber dafür mit einem befreundeten Betrieb zusammengetan hat. Das Stimmen der Glocken durch langsames Abschleifen und Polieren allerdings, das macht Michael Metzler immer selber.

Erschienen bei Designlines, www.designlines.de
(alle Bilder: Tanja Pabelick)

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