Rot sehen, grün fühlen

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Wir tragen Schwarz und wohnen Weiß. Immer noch ist die Nicht-Farbe Deutschlands beliebtester Anstrich. Ein neutraler Grund scheint der sicherste – weiße Wände sind die Blue Box des Lebens, die sich mit wechselnden Szenarien und bunten Möbeln bespielen lässt und niemals rebelliert. Dabei werden Potenziale verschenkt, denn Farbe kann einiges. Den Raum größer oder kleiner wirken lassen etwa oder unsere Stimmung beeinflussen. Das macht den Einsatz von Farbe aber auch ein kleines bisschen gefährlich. Eine Einführung in die Kunst des farbigen Lebens.

Wir sind am Stand eines Farbherstellers in einem deutschen Baumarkt. Zwischen Holzlatten und Steckdosen werden individuell abgemischte Wandfarben angeboten. Roboter-Rührer mischen und schütteln auf Knopfdruck, die Farbe kann der Kunde sich vorher aus einem Telefonbuch-dicken Farbfächer aussuchen. Neben uns diskutiert ein Pärchen über die neue Küchenwand. Hell soll es werden, vielleicht ein Vanille- oder ein Lachston, bitte kein Rosa. Mut zur Farbe klingt anders. Tatsächlich haben Wandfarben am Point of Sale ein Kommunikationsproblem. Sauli Suomela vom finnischen Designbüro Pentagon kennt sich damit aus. Seit vielen Jahren betreut die Agentur den Farbhersteller Tikkurila und hat für ihn Shop-in Shop-Konzepte entworfen. „Eine Schwierigkeit für den Kunden sind die Farbkarten. Was auf der kleinen Fläche ansprechend ist, kann auf einer ganzen Wand erschlagend wirken.“

Dieses Problem kennen auch die Mitarbeiter im Baumarkt. „Es kommt schon mal vor, dass die Kunden einen Eimer zurückbringen und darauf bestehen, dass es sich nicht um die von Ihnen ausgewählte Farbe handelt.“ erzählt einer der Farbexperten. „Die meisten Kunden sind dann völlig perplex, wenn der Vergleich mit der Farbkarte belegt, dass richtig gemischt wurde.“ Auf der großen Fläche erscheinen die Farben meist kräftiger, je nach Lichtquelle, Jahreszeit und Interieur können die Nuancen kälter oder wärmer wirken. Sauli Suomela und sein Team haben für Tikkurila in Finnland deshalb nicht nur größere Musterquadrate entworfen, sondern auch einen Raum, in dem verschiedene Lichttemperaturen eingestellt werden können. „Ein grauer Farbton kann schnell ins Grün oder Rot gleiten – je nach Lichtsituation. In den Testraum können die Kunden Textilien mitbringen und das Zusammenwirken mit der Farbe in verschiedenen Szenarien überprüfen.“

Wer seine Wände also farbig streicht, sollte vorher einen genauen Blick auf Möbel und Lichtverhältnisse werfen. Und sich selber gut kennen, denn Farben nehmen Einfluss auf die Stimmung. Axel Venn ist Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim und unterrichtet dort Designer in Farbgestaltung. Vor einigen Jahren hat er ein Buch veröffentlicht, das die psychologische Wirkung von Farben, aber auch ihre Konnotation interessant belegt. In einem Versuch haben 60 Probanden Adjektive wie luxuriös, eiskalt oder arm in kleinen Farbskizzen illustriert und darüber hinaus jedem Wort eine einzelne Farbe zugewiesen. Das Ergebnis sind Kreisdiagramme, die alle 60 Nuancen abbilden und sich überraschend genau mit unseren Emotionen decken. Das viele Blau von „eiskalt“ lässt an die Antarktis denken, die Gelb- und Orangenuancen des „frühlingshaft“ erinnern an Narzissen und Vogelgezwitscher. Wie Farben sogar Einfluss auf unser körperliches Empfinden nehmen, hat Kunsttheoretiker Johannes Itten 1961 studiert. Er führte für sein Buch „Kunst der Farbe“ Versuchsreihen in blau-grünen und rot-orangenen Räumen durch und stellte fest, „dass die Empfindung für Kälte oder Wärme um drei bis vier Grad differierte“. Der blaue Raum ließ die Menschen früher frieren. Allerdings: Eine so eindeutige Einteilung wie die in warme und kalte Töne gilt nicht für jede Eigenschaft. Farbgefühle speisen sich aus der persönlichen Erfahrung und werden von kulturellen Faktoren beeinflusst.

Trotz aller Ausnahmen gibt es jede Menge Konsens im Farbuniversum. Während helle und kühle Farbtöne die Raumgrenzen verschwimmen lassen und ein Zimmer optisch vergrößern, sorgen dunkle eher für Geborgenheit. Gelb wirkt anregend und wird deshalb gern in Büros verwendet, Geschäfte, die auf Rot setzen, erscheinen einladender. Auch für die dunklen Töne von Anthrazit über Braun bis hin zu Schwarz, die gern in Luxushotels eingesetzt werden, gibt es einen plausiblen Grund, bestätigt Axel Venn. „Der große Schwarzanteil wirkt wie ein Statement der Macht.“ Einige Arbeitgeber, wie zum Beispiel die großen Online-Start-Ups mit ihren Campus-Komplexen, bieten ihren Mitarbeitern aufgrund solcher Effekte Räume in verschiedenen Farben an. Besprechungsräume sind dann in Zitrone oder Limette gestrichen, das Restaurant in appetitanregendem Rot und der Lounge-Bereich entspannt in Braun. Die Mitarbeiter können sich einen Raum suchen, der am besten zu ihrer aktuellen Stimmung und Aufgabe passt.

Für die eigenen vier Wände, in denen meist nicht ausreichend Zimmer für alle Gemütslagen und Charaktere zur Verfügung stehen, ist ein breites Angebot eher keine Lösung. Die Farbexperten raten ohnehin zu einer ausgewogenen Gesamtkomposition, bestehend aus als anregend und beruhigend empfundenen Tönen – wobei der beruhigende Anteil überwiegen sollte. Wer in einem sanften Sand streicht, kann mit den Möbeln knallige Akzente setzen, wer seine Wände in einem kräftigen Lila tönt, sollte dafür sorgen, dass sich der Rest des Raumes möglichst still verhält. Doch Vorsicht bei den starken Tönen. Wer zu lange auf Grün starrt, wird irgendwann Rot sehen – Komplementärfarben erscheinen uns nach einer gewissen Zeit als visuelles Echo.

Eine Ursache für unsere Entscheidungs-Trägheit sind körperlichen Voraussetzungen: Die Leistung menschlicher Sehzäpfchen ist immens. Großzügige Schätzungen gehen davon aus, dass der Mensch bis zu 2,4 Millionen Farbnuancen wahrnehmen kann. Da fällt es schwer, sich zu entscheiden. Ein wenig helfen uns die Trends, die die gesellschaftliche Gemütslage und im besten Fall auch unsere eigene widerspiegeln. Derzeit geht es in Richtung Grün. Wir ernähren uns grün, sind grün mobil und am Wochenende gern mittendrin im Grünen. Naheliegend also, dass wir uns ein wenig Natur in die Wohnung holen wollen. Die, meint Axel Venn, ist nämlich derzeit unser liebstes „Naherholungsgebiet“. Leider sind Trends jedoch sehr schnelllebig. So könnte es sein, dass das Grün bald einen Imagewandel durchläuft und uns das ehemalige Wiesengrün eher wie ein Giftgrün vorkommt. Dann hilft nur noch Umstreichen oder Geduld. Philips forscht schon seit Jahren an Folien, die auf Knopfdruck ihre Farbe ändern. Zu einer Tapete, die sich blitzschnell Licht und Stimmung anpasst, ist es nicht mehr allzu weit.
Erschienen auf www.designlines.de

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