Orgatec 2016: Vom Sitzen und Sitzen bleiben

vitra_stooltoolWie auch immer wir über die Zukunft der Arbeit diskutieren, sie wird hauptsächlich im Sitzen stattfinden. Die Frage ist vielmehr wie wir sitzen, und auf wie vielen. Die Kollektionen der diesjährigen Orgatec boten die volle Bandbreite vom knolligen Sitzkiesel bis zum gelenkigen Arbeitsstuhl – und hielten sich in punkto Abenteuer erstmal beobachtend zurück.

Wären wir referenzlos ausgesetzt worden – auf einer Büromöbelmesse hätten wir uns nicht sofort verortet. Das Büro im Jahr 2016 ist wohnlich und verabschiedet sich von klar abgesteckten Funktionsbereichen. Auf den Ständen der Hersteller stehen überall lauschige Ecken, werden Sideboards von Pflanzen, Vasen und Bilderrahmen dekoriert. Vor ein paar Jahren gab es beim Rundgang noch Dialoge über die Sitzmechanik eines Stuhles, heute werden Stoffe befühlt. Die Grenzen zwischen dem Büro, den öffentlichen Zonen und dem Wohnraum verschwinden. Wir halten uns nicht mehr an die Stempeluhr, arbeiten ein Stündchen von zu Hause oder an einem Sommertag auf der Dachterrasse. Und haben uns mit der freien Wahl unserer Arbeitsorte längst an die ergonomischen Bedingungen auf Sofas, Bänken und Barhockern gewöhnt. Es ist das Ende der „DINastie“, die lange den Büromöbelmarkt beherrscht hat und ausgeklügelte Formeln für die korrekte Sitzhöhe und den optimalen Winkel zur Tastatur anbot. Alles passé. Heute gibt es eigentlich nur noch eine Regel. Bewegung.

Focus Pocus
Gerade im Bereich der Sitzmöbel fasern in der Konsequenz die Typologien aus. Wir dürfen also rückenfeindlich in einem Kissenberg abhängen, wenn wir hinterher auf dem Stehsitz schaukeln oder zum Gespräch in die Box gehen, wenn wir in der Alkove telefonieren oder im ergonomischen Arbeitsstuhl vor uns hin wippen. Das Portfolio der Antworten ist auf der Messe nur leider weniger breit gestreut als der Strauß der Möglichkeiten. Nehmen wir die Alkoven. Geschlossene Sofas schaffen mit ihren hohen Lehnen einen Raum im Raum. Was bei der ersten Begegnung vor zehn Jahren noch revolutionär war, beginnt 2016 schon beim Besuch des zweiten Herstellers zu ermüden. Überall stehen die gleichen abgesteppten Polster, schlanken Silhouetten, skandinavischen Farbwelten. Und dieser Murmeltier-Moment wiederholt sich beim Holzschalenstuhl, dem Lehnstuhl, dem Hocker. Alle deklinieren eine Sprache – die des Wohnraumes. Für den Arbeitsplatz wird uns das präsentiert, was uns auch zu Hause gut gefällt – gepuderte Töne, viel Polster und jede Menge Stühle, die mit Multifunktion, Optionen und Zubehör auf wirklich jede erdenkliche Situation reagieren. Statement-Mobiliar sucht man fast vergeblich, stattdessen herrscht eine nahezu schüchterne Zurückhaltung und die Einschränkung auf anderswo Bewährtes.

Flexibler als Flexionen
Es ist nichts falsch an dem, was uns die Orgatec 2016 angeboten hat. Aber am Ende hat sich genau das ein wenig falsch angefühlt. Es fehlte an Mut, an Avantgarde, an stilistischen Ausreißern – schlichtweg an Alternativen. Da waren ein paar, wie die jeder Farbe entzogene Boring Collection von Lensvelt oder Richard Lamperts Pip, eine Sitzlandschaft mit der ästhetischen Wucht eines Walskeletts. Der im 3D-Verfahren gedruckte Wackelhocker von Wilkhahn, der Kunststoff mit textilen Qualitäten zeigt und das Klettergerüst von BuzziSpace, das mehr ein Statement zur verspielten Bürokultur mancher Start-ups ist. Der japanische Hersteller Kokuyo rollte von Nendo gestaltete Pin- und Trennwände mit dem Ausmaß eines Mühlrades über bodenintegrierte Schienensysteme. Sie alle bewiesen, dass man auf Offenheit nicht mit Gleichförmigkeit reagieren muss. Auf der Suche nach funktionierenden Konzepten haben sie nicht von allem etwas angeboten, sondern Akzente gesetzt und eine individuelle Haltung gezeigt. Und die können wir im Büro (und zu Hause) gut gebrauchen, spätestens dann, wenn die skandinavischen Farben aus den Katalogen ausgezogen sind.

 

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