Karawane des Krawall – Fuorisalone

lambrate

Sie war in den vergangenen Jahren das Epizentrum von Chaos, Kirmes, Cocktails: Die Zona Tortona, einst der Underdog der Fuori Salone-Ausstellungsflächen, war während der letzten Ausgaben vor allem berühmt für Würstchenbuden, Flyer-Regen und Promo-Aktionen. In diesem Jahr war plötzlich Ruhe. Verschwunden ist der Lärm aber nicht, er ist nur umgezogen.

Was in Mailands Design-Distrikten passiert, ist ein Klassiker unter den urbanen Entwicklungen. Weil die jungen Designer sich die Mieten der etablierten Ausstellungsflächen nicht leisten können, schauen sie sich andernorts um und landen in alten Industriegebäuden, Hinterhöfen und umgenutzten Garagen. Vor über zehn Jahren war das die Zona Tortona. Hier trafen sich die Jungen und Wilden, dann zogen die nach, die gerne jung und wild wären, schließlich kam der Mainstream und mit ihm eine kuriose Krach-Parade. Jetzt sind die Pioniere, mit denen die dicken Marken eigentlich kuscheln wollten, längst verschwunden. Geblieben sind absurd hohe Mieten und eine inkonsistente Mischung verschiedenster Aussteller. Die Zona Tortona ist in einer Festival-Edition des Strukturwandels verwelkt.

Tortona im Dornröschenschlaf

Was daran vielleicht am verwunderlichsten ist, ist die Schnelligkeit der Entwicklung. Wo sich in den letzten Jahren noch Menschenmassen durch das Nadelör der Brücke von Porta Genova in die Zona pressten, herrschte in diesem Jahr aufgeräumte Leere. Die gab schon einen Vorgeschmack auf das Danach. Zwar fanden Länderausstellungen wie die von Singapur, Malaysia oder Serbien statt, die als Designnationen bekannten Länder waren jedoch woanders. Auch gab es zugegebenermaßen nette, von Hyundai oder Toshiba gesponserte Lichtinstallationen, das große Wow blieb aber aus. Und auch wenn Moooi die Stellung hielt – Established and Sons, letztes Jahr auf Tortonas Via Savona vertreten, präsentierte sich beispielsweise lieber in Lambrate. Während des Rundgangs durch das Tortona-Viertel stoßen wir auf ein kleines Restaurant, das auf einem Schild „Todays Special“ bewirbt. Darunter aufgeführt: „-Nothing“, sowie „-Nothing is on Special“. Ganz ungewollt hat man hier den Kern der Sache getroffen: Eigentlich gibt es nicht viel Inhalt zu kommunizieren, trotzdem bleibt Tortona Teil des Menüs.

Karussel der Distrikte

Es ist eine eindeutige Entwicklung: Der ehemalige Trendmagnet Tortona hat an Anziehungskraft verloren, die Energie ist jedoch nicht verpufft sondern einfach abgewandert. Wer sich in der Open Night in Lambrate wiederfand, konnte es sofort spüren, das gute alte Tortona Feeling. Remmidemmi, Flaschenbier. Aber leider auch, dass darunter vor allem das Design leidet, genauso wie die, die vor allem dafür hier sind. Denn genau wie noch letztes Jahr in Tortona schauen nicht nur die nach Innovationen Suchenden vorbei, sondern auch Freunde kostenloser Drinks und sozialer Happenings. Eine gesunde Dosis Krawall gehört zwar zwingend zu einem Nachwuchs-Event, ist aber spätestens dann zu viel, wenn sich auf den Ausstellungsstücken leere Plastikbecher stapeln. Diesbezüglich hat Lambrate einen echten Spurt hingelegt.

Zona Tortura,  Ventura Lambrusco?

Gerade einmal drei Jahre und vier Ausgaben ist der Designdistrikt alt und hat als Alternative zu Tortona in in den Fabrikhallen von Mailands entferntem Nordosten begonnen. Und auch wenn die beiden niederländischen Initiatorinnen Margriet Vollenberg und Margo Konings eigentlich nicht mit der Zona Tortona konkurrieren wollten, ist eine Konkurrenz entstanden. Nicht nur um die jungen Designer, die Lambrate vor allem aus finanziellen Motiven vorziehen, sondern auch bei etablierten Marken, die sich aus Image-Gründen für Lambrate interessieren. Von 2010 bis 2012 konnte Lambrate die Zahl seiner Aussteller jedes Jahr nahezu verdoppeln, 2013 gab es eine Steigerung von knapp 50 Prozent verglichen mit dem Vorjahr . Dieser Erfolg Lambrates dokumentiert, dass Mailand einen erschwinglichen Ort für das Nachwuchsdesign, für Experiment, Forschung und Diskussion braucht. Die ambitionierten Kollektive, Pop-Up-Galerien und Einzelaussteller zeigten, dass Lambrate funktioniert. Mit dem kleinen Zusatz: noch. Denn in diesem Jahr schienen die Potenziale ausgereizt. Ein Seitenblick auf die Zona Tortona warnt und mahnt, dass Bedacht gefordert ist, damit der Nachwuchsspielplatz nicht in Überschallgeschwindigkeit zur Mainstream-Kirmes wird.

Erschienen auf www.designlines.de

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