Interview: Pentagon Design

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Wie kaum ein anderes finnisches Designbüro prägen sie die Designkultur ihres Landes: das 1996 von den Industrial-Designern Arni Aromaa und Sauli Suomela gegründete Studio Pentagon Design. Denn Aromaa und Suomela bewegen sich nahezu schrankenlos in allen gestalterischen Disziplinen. Sie haben nicht nur Produkte für Firmen wie Iittala oder Hackman entworfen, sondern auch die Corporate Identity des finnischen Kaufhauses Stockmann oder des Aufzugfabrikanten Kone entwickelt. Wir haben Sauli Suomela an einem verregneten Herbsttag im großzügigen Studio im Norden Helsinkis besucht und mit ihm über Europas Osten und über Erlebnisdesign gesprochen. Außerdem: Woran sollte man denken, wenn man für Fische und Kinder gestaltet?

Ihr habt ein tolles Studio, sehr groß, sehr hell, sehr weiß. Und sehr ordentlich. Vor allem in der Werkstatt – hier hängt alles an seinem Platz. Kreatives Chaos ist nichts für euch?
Wir haben ein paar Jungs, die auf die Werkstatt aufpassen, die sind sehr strikt. Wer sich was leiht, muss es zurückbringen, sonst gibt es Ärger. Und was das Licht angeht… Wir sind das wahrscheinlich erste Studio in Finnland, das komplett auf LEDs setzt. In den letzten Jahren hat sich die Technologie so verändert, dass das Licht sehr natürlich wirkt und dabei sehr hell ist.

In der Lichtfarbe mag das stimmen, aber gibt es nicht bei der formalen Erscheinung noch viel zu tun?
Ich denke im Moment findet eine große Evolution statt. Viele der Lampen- und Leuchtenhersteller kommen auf Designer zu und sagen: Lass uns etwas machen, das das neue Licht zur Geltung bringt, es mit seinem minimalen Raumbedarf versteckt. Wir selbst entwickeln gerade eine LED-Leuchte, sehr schlank und schwebend, die sich gleichzeitig mit einem schallabsorbierenden Körper auch positiv auf die Akustik des Raumes auswirkt. Mit der neuen Technologie sind ganz neue Dinge denkbar.

Ihr deckt ein breites Feld der Gestaltung ab, vom Corporate Design eines Supermarktes über Wasserhähne bis zum Angler-Köder. Wo liegen eure Wurzeln?
Beim klassischen Produkt-Design. Arni Aromaa und ich haben uns vor fast zwanzig Jahren hier in Helsinki an der Kunsthochschule kennengelernt. Wir haben also einen Hintergrund als Industriedesigner. Unser Studio ist aber schnell gewachsen, und mit jedem Mitarbeiter haben wir auch unser Arbeitsfeld erweitert, um Verpackungsdesign, Corporate Design oder Retail. Wir haben Industriedesigner bei uns, aber auch Grafiker, Innenarchitekten und Wirtschaftswissenschaftler. Wir gestalten nicht nur Produkte, sondern Erlebnisse.

Ladet ihr Spezialisten ein, wenn ihr mit einem Projekt Neuland betretet?
Ja, denn obwohl wir schon sehr breit aufgestellt sind, fehlen uns einige Bereiche noch, etwa ein Digital-Designer. Manchmal sind es die großen Firmen, auf deren Expertise wir zurückgreifen, manchmal aber auch auf das Spezialwissen eines Einzelnen. Aber ja, nahezu jedes Projekt spielt in seinem eigenen Themenfeld, manche laufen über Jahre, andere über Wochen. Wenn ich zur Arbeit komme, weiß ich nie, was auf mich wartet.

Es könnte auch mal ein Angelköder sein. Wie gestaltet man für Fische?
Der Fisch ist der Hauptkunde, aber man muss auch an den Fischer denken… (lacht)

Den Köder Big Mouth habt ihr vor einigen Jahren gemacht. Kam da jemand zu euch und hat danach gefragt?
Nein, das war ein Leidenschaftsprojekt von einem unserer Mitarbeiter, der selbst passionierter Fischer ist. Normalerweise sind Köder so gestaltet, dass ein Balsaholz von einem Gewicht beschwert wird und sich durch die Bewegung der Angel im Wasser bewegt. Unser Köder hat ein Loch und ist hydrodynamisch. Das Wasser strömt hindurch und zieht den Köder nach unten. Wir haben diese Idee im Studio gemeinsam zu Ende entwickelt und dann an ein Unternehmen verkauft.

Passiert es öfter, dass ein Produkt bei euch ohne expliziten Auftrag entsteht?
Bei 90 Prozent unserer Projekte kommen Firmen auf uns zu, aber wir verfolgen auch immer wieder eigene Konzepte. Wenn wir gute Ideen haben. Eines unserer freien Projekte war etwa ein Blumentopf, der sehr lange Wasser speichern kann. Manchmal finden wir dann jemanden, der unsere Ideen produzieren möchte. Manchmal wäre das Produkt zu teuer, zu kompliziert oder zu künstlerisch, und dann bleibt es eben im Prototypenstadium. Nicht alle guten Ideen sind kommerzialisierbar. Einige werden dann in Galerien und Ausstellungen gezeigt, andere landen in Aufbewahrungsboxen.

Aber ihr habt es vielleicht leichter als junge Gestalter, weil euer Name schon sehr bekannt ist.
Manchmal ja, manchmal nein. Italien zum Beispiel ist auf diese Art fast unmöglich zu erobern. Wir waren vor ein paar Jahren in der Situation, dass wir mit einigen großen italienischen Herstellern zusammengesessen haben, und trotzdem konnte nichts realisiert werden.

Stattdessen arbeitet ihr viel für nordische Firmen. Ist das einfacher?
Ja, das ist es. In Italien ist die Konkurrenz einfach zu groß. Dort gibt es viele gute Gestalter mit noch mehr guten Ideen. Die Firmen geben keine Aufträge an Designbüros heraus, sie suchen sich aus der Masse der eingegangenen Vorschläge einfach etwas aus. Italien ist ein interessanter Markt – wenn im Moment auch nicht unbedingt finanziell. Bei diesen Herstellern etwas unterzubringen, kann neue Türen öffnen.

Italien ist eben der Klassiker unter den Designnationen. Eine wirkliche Designbewegung lässt sich im Moment aber eher östlich von Mitteleuropa beobachten. Wie schätzt ihr diese Entwicklung ein?
Dort passiert in der Tat viel. Wir selbst haben zuletzt eine Kollektion für den türkischen Badhersteller VitrA entworfen, mit Möbeln, Accessoires und Armaturen. Soweit ich informiert bin, sind sie ihren Verkaufszahlen nach in Europa mittlerweile auf Platz drei, sie sind also sehr groß.

Ist man dort nicht schlichtweg flexibler als in Italien? Die Firmen verfügen über eine gute Infrastruktur und handwerkliche Expertise. Wenn sie ihren Markt ausbauen wollen, versuchen sie das vielleicht übers Design. Und sind dann experimentierfreudig.
Ja, ich glaube, das ist so. VitrA ist auch nicht unser einziger Partner dort, auch Koleksiyon, für die wir einen Beistelltisch gemacht haben, kommen aus Istanbul. Den Tisch R2 haben wir ihnen damals initiativ vorgeschlagen – und er gefiel ihnen sofort.

Für manche Auftraggeber wie das finnische Kaufhaus Stockmann gestaltet ihr nicht nur Produkte, sondern auch Interieur, Verpackung und Grafik.
Wir werden manchmal gefragt: Warum konzentriert ihr euch nicht einfach auf eine Sache? Aber wir sehen es so, dass wir nur mit allen unseren gestalterischen Werkzeugen den Kunden gerecht werden können. Weil wir nicht nur das Produkt machen, sondern von vorneherein mit darüber nachdenken, wie das Produkt später dargestellt wird. Der andere, sehr praktische Grund ist, dass Finnland ein sehr kleines Land ist. Die gestalterische Rundumversorgung, unseren ganzheitlichen Ansatz, bieten nicht viele.

Auf eure Expertise verlässt sich sogar die Stadt Helsinki. Im Stadtviertel Arabia findet man ein von euch entworfenes Leitsystem – und ihr habt Spielplätze gestaltet.
Die Anweisung dafür lautete: etwas Architektonischeres als Piratenschiffe und Micky Mouse. Weil die einfach nicht gut in die urbane Umgebung passt. Wir mussten allerdings schnell feststellen, dass es schwer ist, etwas zu gestalten, auf das Kinder hinaufklettern können, von dem sie aber nicht herunterfallen können. Die Sicherheit solcher Geräte ist eine strikte Angelegenheit, da muss die Lücke fürs Abenteuer erst gefunden werden. Viele Beschränkungen lernt man erst im Prozess kennen. Einige der von uns geplanten Seile fielen zum Beispiel sofort weg, daran hätte sich jemand strangulieren können. Das genau das ist auch das Interessante an unserer Arbeit: dass jedes Projekt ganz neue Anforderungen stellt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Erschienen auf Designlines, www.designlines.de

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