Im Innern des Regenbogens

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Carlos Cruz-Diez lebt für die Farbe. Die Form ist in seinen Werken eher ein Statist – sie stützt die Inszenierung, bestimmt sie aber nicht. Der venezolanische Künstler hat ganze Fassaden erobert, Parks mit bemusterten Wegen ausgestattet, sogar Polster für Kinosäle gestaltet. Cruz-Diez wird in diesem Jahr neunzig Jahre alt – drei seiner begehbaren Installationen sind derzeit in der Londoner Hayward Gallery anlässlich der Ausstellung Light Show zu sehen.

Plötzlich ist alles pink. Der eigene Körper, die Kleidung, die Wände. Die Raumgrenzen verschwimmen, werden von der monochromen Lichtflut weich gewaschen. Dort, wo der dreiseitige Kubus sich öffnet, ändert sich der Spektralbereich. Grün fällt von links ein, Blau von rechts. An der Decke hängen weiße Würfel, deren Seiten sich dem Licht zuwenden. Sie reflektieren das Licht, das die Fläche direkt trifft – und werden zum grün-blauen Akzent im rosa-roten Raum. Wir bewegen uns durch eine Installation aus der Reihe Chromosaturations, die als Teil einer umfassenden Cruz-Diez-Retrospektive in Houston, Buenos Aires, Sao Paulo und Mexico City zu sehen war.

Farbe in Bewegung

Die Retrospektive unterstrich den Stellenwert von Carlos Cruz-Diez in Venezuela, aber auch sein internationales Renomee. Was Diego Rivera und der Muralismus für Mexiko sind, sind die Kinetic Art und Carlos Cruz-Diez für Venezuela. Seine Werke können, in einer weniger eng gefassten Einordnung, als Beitrag zur Op Art der 60er verstanden werden, eine Ästhetik, die den Betrachter förmlich mit geometrischen Mustern und Farbfeldern in die Kunst hineinzog. Cruz-Diez‘ Objekte und Installationen verändern sich mit der individuellen Auseinandersetzung. Seine als Physiochromie zusammengefassten Werke etwa bestehen aus schmalen, verschieden hohen Streifen, die zu einem großen Format aneinandergesetzt werden. Die Flächen ihrer drei sichtbaren Seiten sind unterschiedlich coloriert. Es ist nicht das Bild selbst, das sich bewegt, aber mit jedem Perspektivwechsel des Betrachters verändert sich seine Wirkung. Linien lösen sich auf, Flächen verändern sich in ihren Nuancen. Cruz-Diez befreit die Farbe. Von ihren Geschichten, von jeglicher Konnotation. Die Farbe wird zur Situation.

Hommage de Prada

Begonnen hat Carlos-Cruz in der Werbeindustrie. 1923 in Venezuela geboren, studiert er an der Kunsthochschule Caracas und arbeitet zunächst als Designer und Illustrator. Doch auch wenn er sich immer mehr der unabhängigen künstlerischen Arbeit widmet: Seine professionellen Ursprünge lassen sich stets an der klaren Konzeption und der grafischen Umsetzung ablesen. Er bringt Zebrastreifen mit Moiré-Effekten in den Stadtraum; wer am Flughafen Caracas landet, wird seinen ersten Schritt vielleicht auf einen irisierenden Boden von Cruz-Diez setzen. Das Modeimperium Prada hat zwölf Fassaden seiner Boutiquen als Hommage an Cruz-Diez gestaltet, nachdem Patrizio Bertelli, der Präsident von Prada, den Künstler 2008 in seinem Atelier besucht hatte.

Carlos Cruz-Diez ist mit seinen Installationen nicht nur in den Galerien, sondern auch weltweit im urbanen Raum vertreten. Dass er auch in seinem Heimatland über sechs Jahrzehnte künstlerischen Schaffens ungebrochene Popularität genießt, liegt vielleicht auch daran, dass politische Inhalte von seiner Arbeit unberührt bleiben. Sein künstlerischer Schwerpunkt ist schlichtweg die Emotionen auslösende Ästhetik. „In meiner Arbeit gib es keine Zufälle, alles ist durchdacht, kodiert und chiffriert. Freiheit und Gefühl sind nur Teil meiner Arbeit, wenn es darum geht, Farben zu kombinieren.“ Die Carlos-Cruz-Stiftung, die sich dem Erhalt, der Entwicklung und der Erforschung seiner Arbeiten widmet, nennt ihn „einen der bedeutenden Denker der Farbe im 20. Jahrhundert“. Wer seine Kunst erlebt hat, wird dieser Einordnung nichts entgegen zu setzen haben.

White Cube in RGB

Acht Serien hat Cruz-Diez entwickelt, alle drehen sich um Farbe und Bewegung. Einige heißen Couleur Additive, Physichromie, Chromointerferénce oder Chromosaturation. In letzterer beschäftigt Cruz-Diez sich vor allem mit farbigem Licht. Eines seiner gerade in der Hayward Gallery ausgestellten Werke ist Cámara de Cromosaturación. Die Installation ist eine Variation der in seiner Retrospektive gezeigten, und wird von Cruz-Diez seit 1965 immer wieder neu inszeniert. Sie besteht aus drei aufeinander folgenden Räumen, die sich alle zu einer Seite einem gemeinsamen Flur öffnen. Die durch eine Zwischenwand separierten Abschnitte werden jeweils monochrom von einer dichten Reihe farbiger Leuchtstoffröhren ausgeleuchtet: Der erste in Blau, darauf folgt ein roter und der letzte in Grün. Die räumliche Inszenierung dient dem Werk, gibt dem Licht eine Bühne, lenkt es oder stellt ihm Fallen. Die den Abteilen gegenüberliegende Fläche ist eine durchgängige Wand, die nicht nur die reinen Töne, sondern auch alle Nuancen der Überlagerungsbereiche des Lichtes abbildet. Der Übergang, der beim Blick von außen in die Räume als harter Kontrast wirkt, wird auf dieser Fläche zu einem sanften Hinübergleiten von Farbe zu Farbe.

Wenn hier das Licht ausginge, bliebe vom Werk Cruz-Diez‘ nicht viel übrig. Mal ein White Cube, mal eine verschachtelte Architektur aus Wänden und Würfeln. Blanke Flächen, die so gar nichts von einer Sinnestäuschung haben. Aber wie bei jedem anderen Zauberstück sollte das Geheimnis hinter der Täuschung beim Urheber bleiben. Das ist die Kunst.

Erschienen auf Designlines, www.designlines.de

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