Viel Anfang zum Ende: Helsinki nach World Design Capital

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Im Jahr 2012 wurde in Helsinki der Spot angeknipst und auf etwas den Finnen ganz Selbstverständliches gerichtet: Die Gestaltung. Jetzt sind die Lichter offiziell wieder erloschen. Im ersten Jahr nach der Ernennung zur World Design Capital haben wir uns erneut auf die Reise in den Norden begeben. Was hat sich nachhaltig bewegt? Und wie sieht eine Design Week aus, wenn nicht mehr alle hinschauen? Nebenbei, das sei schon einmal verraten, haben wir viel gelernt über die finnische Seele und ihr Verständnis von Form und Konsequenz.

Im Showroom von Marimekko wird die neue Kollektion vorgestellt. Weather Diaries ist sie betitelt, an der Wand hängen die szenischen Skizzen der Designer. Gewitterwolken, Bindfaden-Regen, Schauerwolken. Die Sonne ist nirgendwo zu sehen. Draußen vor dem Fenster, auf der Promenade namens Esplanade ist es auch nicht besser. So ist das in Finnland. Einem Land, in dem Wetter, Wald und Seen einen Beitrag zum Charakter der Nation leisten wie die Vulkane und heißen Quellen in Island. In dem Abgeschiedenheit und materielle Genügsamkeit zu einer ästhetischen Identität geführt haben, die von Reduktion, Zeitlosigkeit und einfachen Materialien bestimmt wird. Auf die Frage nach dem Ursprung der finnischen Formensprache, von Aalto über Koskinen bis zum zeitgenössischen Nachwuchs, bekommen wir in diesen Tagen einige Antworten.

Die sieben Leben der No 60
Iittalas PR-Managerin Siru Nori wagt am Abend bei unserem Besuch im Showroom einen ersten Erklärungsversuch: „Noch vor fünfzig Jahren hatten wir Finnen nicht viel. Wir haben uns Dinge nur einmal im Leben gekauft, sie mussten also robust sein, funktional und lange gefallen“. Mode im Sinne schneller Trends scheint den Finnen fremd. Sie schätzen ihre Klassiker. Überall in der Stadt finden sich Second Hand-Läden, Gebrauchtmöbelshops und Antiquitätenhändler. Von hier wandern einige Stücke in ihr drittes oder viertes Leben. Selbst der einst von Alvar Aalto gegründete Möbelhersteller Artek führt mit 2nd Cycle einen Laden mit Vintage-Design, in dem sich unzählige Exemplare von Aaltos Stool 60 stapeln. An ihrem Zustand lässt sich ablesen, dass Design in Finnland nicht nur in Repräsentationsräumen, sondern durchaus auch in der Garage wohnt. Einige sind bunt lackiert, tragen Prothesen, wurden abgesägt oder durch unter die Beine geschraubte Holzplatten ein paar Zentimeter näher an das Gesäß ihres Besitzers gehoben. Wie geschlossen der Kreislauf quer durch die Generationen sein kann, illustriert eine Geschichte, die uns hier erzählt wird und die so wohl nur in Finnland geschrieben werden kann. Ein Kunde kaufte bei 2nd Cycle vor einiger Zeit einen Stuhl, ein Modell, dass schon sein Großvater besessen hatte. Zu Hause stellte er ihn seiner Familie vor, die ihn eindeutig als das ursprüngliche Familienstück identifizieren konnte. Der Stuhl hat zurückgefunden.

Ausweitung der Designzone
Gute Form ist im östlichen Norden Europas kein Abgrenzungswerkzeug einer Geschmackselite. Gerne behaupten die Finnen, dass es in jedem Haushalt Iittala-Geschirr gibt, Marimekko-Kissen und Artek-Stühle. Wenn also über Design diskutiert wird, dann geht man selbstverständlich über das Selbstverständliche hinaus, erweitert den Designbegriff, weitet ihn auf Stadt und Transport, Kommunikation und Organisation, das gesamte Umfeld aus. Design wird ganzheitlich verstanden. Und damit sind wir inhaltlich bei den Zielen und Ergebnissen rund um das Programm der World Design Capital angekommen. Wir treffen uns mit Laura Aalto, der verantwortlichen für die Kommunikation der WDC 2012. Arbeitslos ist sie nicht, die mediale Aufmerksamkeit hat nachgelassen, aber die Verfolgung der 2012 gesetzten Ziele geht weiter. „Die wichtigste Mission war es, zu zeigen, was Design kann und neue Milieus zu erschließen. Allein ein Drittel der 551 Projekte betraf den öffentlichen Sektor, er ist mittlerweile zu einem aktiven und zuverlässigen Auftraggeber geworden, die Städte binden Design stärker ein. Die Regierung hat im März sogar ein nationales Design-Strategiepapier veröffentlicht: Die Überzeugung, dass Design auch für sozialen Wandel sorgen kann, ist gestiegen.“ Aber wie sieht das praktisch aus? Für zwei weitere Jahre wurden Mittel freigegeben, erzählt sie, mit denen die Designkompetenz der Städte gefördert werden soll, die Verwaltungen werden demnächst einige Designer anstellen, die helfen sollen, Design-Probleme im urbanen Raum zu erkennen und anzugehen.

Gestalterische Rundumversorgung
Als das Jahr begann, resümiert Aalto, hätten sich die Menschen gefragt, wo denn nun das Design sei, die Veranstaltungen, die Ausstellungen, die Fähnchen. Die habe es natürlich gegeben, aber einige hätten es lauter erwartet. Zu verstehen, dass Design über das Offensichtliche, über Stühle und Leuchten hinaus geht, das hat an mancher Stelle länger gedauert. Und schlussendlich doch mehr als gut funktioniert. 15.000 Artikel wurden international zur WDC publiziert. Der Inhalt ist Laura Aalto aber weitaus wichtiger als die blanke Zahl. „Finnland nimmt Design ernst, das war der Grundtenor“. Dem weiterhin gerecht zu werden, das hat sich Helsinki auf die Fahnen geschrieben. Auch ohne das blaue Wappen von 2012. Die Nominierung zum Design Capital war kein „Jack in the Box“, der kurz aus der Kiste hüpft um alsbald wieder hineingedrückt zu werden.

Möbel aus dem Wald
Wir begeben uns also auf die Helsinki Design Week, der Veranstaltung, die flankiert von der recht beschaulichen Messe Habitare im letzten Jahr im Herbst den Höhepunkt des Designjahres bildete. Was macht das klassische Produktdesign 2013? Im Old Customs Warehouse am Hafen stellen junge finnische Designer unter niedrigen Holzdecken und auf knarrenden Dielen aus, im von Alvaar Aalto entworfenen Eisenhaus Rautatalo im Zentrum wird die zentrale weiße Marmorhalle zur Bühne. Die Ausstellungsobjekte geben sich von beide Szenarien relativ unbeeindruckt, vielleicht ist auch das typisch – finnisches Design wirkt überall indigen. Authentizität, Qualität und Identität, Eigenschaften, nach denen in der Gestaltung viele suchen, hat man in Finnland nicht gefunden, sondern konsequent nicht aufgegeben. Die Glasobjekte von Mari Isopahkala, einer der Gewinnerinnen des Habitare-Nachwuchspreises etwa, sehen wie Vasen aus, sind aber keine Hohlkörper. Wie große Linsen kreieren sie in sich eine Mini-Welt aus der aktuellen Umgebung. Poesie namens Fatty. Auf die Frage, wo sie sich inspirieren lassen, antwortet keiner der jungen Designer mit Blogs oder Magazinen. Wir hören: vom Alltag, von Materialien, von Werkzeugen, von der Natur. Vielleicht liegt auch das an der Geschichte des Landes, dessen Volk so hoch im Norden lange Abgeschiedenheit erlebte und mit den natürlichen Ressourcen des eigenen Landes auskommen musste. Diesen Ressourcen, allen voran Holz, sind die Designer bis heute treu. Über die Flüsse und Seen schwammen die Stämme einst mit dem Strom quer durchs Land, aus ihnen wurden Möbel, Spielzeug, Kirchen, Häuser, die Alltagskultur.

Mit der Natur gegenhalten
Auf der Design Week entdecken wir Tischleuchten aus Holz (Kupu von Janne Wilenius), hölzerne Tischböcke mit der stilisierten Silhouette von Wildtierhinterbeinen, auf der Messe Habitare gibt es eine große Sonderschau Made of Wood. Das Projekt Trash Factory hat aus den hölzernen Pavillons des Designjahres 2012 eine ganze Möbelkollektion werden lassen. Wertvolles und Nützliches einfach so wegwerfen mögen die Finnen auch nicht. Und während wir in unserer Tasche nach einem Schirm wühlen, um uns für das Verlassen des Gebäudes zu wappnen, kommt uns plötzlich ein weiterer Gedanke zur Designidentität des Landes. Die Natur ist hier ein erbarmungsloser Begleiter. Im Winter ist es immer dunkel, im Sommer ständig hell. Wenn es regnet, dann regnet es richtig. Vielleicht sind die letzten Bausteine für das Verständnis der finnischen Gestaltung einfach die Elemente. Vielleicht führen die zu dem Wunsch, dass es drinnen beständig schön kuschlig ist.

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